Hochschule
Bedrückend real
Das Studium ist kein Zuckerschlecken. Diese Erfahrung macht jedenfalls der Zuschauer des Kinofilms "13 Semester", wenn er Momo, der endlich aus der brandenburgischen Provinz weg will und "nach 20 Jahren endlich wieder Moritz heißen", durch diese quälend lange Zahl akademischer Zeiteinheiten begleitet.
Dabei ist es nicht einmal das mit Ach und Krach bestandene Vordiplom, das sich der sympathische Protagonist (Max Riemelt) durch eine ungleiche Freundschaft mit seinem indischen Kommilitonen Raswin halb erschleicht und halb erkämpft. Vielmehr sind es die vielen, kleinen Stiche - die Entscheidung für die Liebe und damit leider gegen den Erfolg oder die Notwendigkeit, sich nach zermürbender Suche schließlich mit einer unpassenden WG zu arrangieren und so sich und den eigenen Werdegang teilweise einem Menschen auszuliefern, mit dem man nichts gemeinsam hat außer dem Bedürfnis nach einer Bleibe -, die den Film so schwer erträglich machen.
Mit einer unerbittlichen Scharfstellung auf Details setzt Regisseur Frieder Wittich die Trostlosigkeit des Studentenlebens in Szene: Wenn "Momo" - wie er immer noch genannt wird, nach einer WG-Party auf der Couch aufwacht, ekelt sich (auch) der Zuschauer davor, die nackten Füße in all das zu stellen, was da auf dem Teppich die ekelhaftesten Assoziationen von Party-Hinterlassenschaften weckt. Und wieviel banaler und deshalb zum Unwohlsein real kann die Ärmlichkeit manches Studentenlebens dargestellt werden, als durch einen männlichen Partner, der während der Beinrasur seiner Freundin in der Badewanne sein Nutellabrot schmiert - unterdessen deren offenbar erfolgreicherer Studienkollege durchs Fenster sieht? Da verwundert es dann auch nicht, dass Momo an seinem 24. Geburtstag die letzten ihm verbliebenen Gefährten mit einem Satz wie eine gedämpfte Haubitze vor den Kopf stößt: "Ich kann im Moment nunmal nicht auf Menschen."
Und die realistische Erzählweise lässt auch den Zuschauer nicht aus der Ödnis des wirklichen Studentenlebens entkommen: filmische Mittel wie Rückblenden werden in "13 Semester" nur selten und dann so auffällig eingesetzt, dass sie statt einer Flucht eher eine Verstärkung der bedrückenden Stimmung bedeuten. So prasseln kurz vor der erlösenden Diplomprüfung alle mühsam gepaukten Formeln und Merksätze mit halluzinatorischen Hall auf Momo ein. Und die Wahl, die Handlung chronologisch zu erzählen, erzeugt spätestens bei der Einblendung "Semester 8" das Gefühl, dass es hier um ein Leiden fast ohne Ende geht.
Zwar gibt es schließlich ein allzu rundes Happy End. Aber davor müssen der Protagonist und sein alter Freund Dirk (Robert Gwisdek) zunächst wieder zusammen finden. Und sich, dem anderen und den Zuschauern gestehen, dass die Uni eine Autobahn ist. Der eine habe irgendwann Angst bekommen, wieder aufzufahren, weil er dann vielleicht merke "dass ich 5 Jahre lang in die falsche Richtung unterwegs war". Und der andere beschreibt seine Uni-Karriere ohne den ihm sonst eigenen Elan als "Überholspur mit 220 Sachen, immer schön Blinker links, Gas rechts" - und fragt sich, ob er nicht mal hätte "aussteigen und sich die Landschaft angucken sollen." Das tut weh in einer Gesellschaft, die vielleicht mit Erfolgreichen und "Losern" umgehen kann. Aber doch nicht mit Zweiflern auf beiden Seiten.
Bologna in der Diskussion
Am 26.01. des Jahres diskutierte der profilierte Bologna-Kritiker Prof. Wolfgang Eßbach aus Freiburg mit Prof. Klaus Landfried, ehemaliger Präsident der Hochschulrektorenkonferenz, und der Studentin Imke Buß unter Anleitung von Anja Braun im SWR2-Forum über die Bologna-Reform.
Das differenzierte Gespräch resümiert den Stand der Dinge und erfreut den Skeptiker mit Neologismen wie "Bulimie-learning". Nachhören kann man es hier.
Nicht nur der Zeit hinterher
Wie die F.A.Z. heute berichtet, haben sich Hochschulrektorenkonferenz, Kultusministerkonferenz und ZVS auf die Einrichtung einer Tauschplattform für Studienplätze geeinigt. Hintergrund ist die von ihnen selbst beschlossene weitgehende Entmachtung der ZVS bei der Studienplatzvergabe. In deren Folge bewerben sich nun allsemsterlich zahlreiche Studienwillige bei mehreren Hochschulen, und akzeptieren dabei je nach Geduld häufig das erste und selten das beste Angebot.
Allein, hat den hohen Damen und Herren der Wissenschaftsbürokratie schonmal jemand gesagt, dass Studienplatztauschbörsen bereits in Hülle und Fülle existieren? So hat die deutsche Hochschulpolitik einmal mehr bewiesen, dass sie ihrer Zeit hinterher ist. Nicht nur, weil der Vorstoß erst jetzt kommt, sondern auch, weil es tatsächlich Serviceleistungen gibt, die kommerzielle Anbieter mindestens genau so gut (weil effektiv und kostensparend) abdecken können.
Ali Baba vor verschlossener Tür
"Sesam, öffne" dich -- mit so einer einfachen Zauberformel öffnet Ali Baba die Schatzkammer. Aber die Zeiten sind vorbei: Um sich selbst von der gescheiterten BA-Reform abzulenken, erfinden die deutschen Hochschulen neue Ärgernisse. Dozenten und Professoren, die gar nicht erst in ihre Büros oder Seminarräume kommen, können auch keine Kritik üben.
Viele Hochschulen führen zur Zeit so genannte "Transponder"-Schließsysteme ein, der alte Schlüssel ist passé: eine perfekte mechanische Technik, die nicht verbesserungsfähig ist, kann man schließlich nur noch abschaffen. An die Stelle des Schlüssels tritt ein elektronisches Ding mit einem Knopf. Das wird zentral programmiert, die Büronummer und die Seminarräume, in denen man unterrichtet, werden gespeichert: jedes Semester neu. Es gibt keine Türklinken mehr, sondern ohne das elektronische Ding -- ähnlich wie in unsympathischen Hotels -- kommt man weder rein noch raus. Man muss kein Soziologe sein, um zu ahnen, was daraus in der Praxis der Massenuni werden wird: Wie soll man noch einen Raum tauschen, wenn das eine Seminar klein, das eines Kollegen aber groß ist? Wie kommen studentische Hilfskräfte und Projektmitarbeiter in die Räume? Sind die Besprechungsräume noch zugänglich? Was passiert, wenn die Batterie des "Transponders" leer ist? Dann fällt das Seminar, die Sprechstunde, einfach alles aus!
Einen Pförtner, oft die letzte Insel des gesunden Menschenverstandes an der Uni, wird es nicht mehr geben. Weil die ja typischer Weise die Schlüssel herausgaben. Ein Kollege erzählte mir, wie die Neuprogrammierung vor sich geht: Es geht ein Antrag an den Dekan, der segnet ihn ab und sendet ihn an einen Mitarbeiter der Verwaltung, der schickt eine entsprechende Anweisung an den Hausmeister, der hat einen Mitarbeiter, um den Transponder neu zu programmieren. Dies muss für alle Mitarbeiter der Hochschule erledigt werden. Wie viel Zeit wird dieser Verwaltungsweg benötigen? Wie ruhig hingen die einfachen Schlüssel in einem Schrank? Eigentlich will man nur in sein Büro. Oder in einen Seminarraum, vor dem eine Gruppe Studierender wartet. Wir freuen uns auf diese Zukunft. Ich werde verzweifelt vor meinem eigenen Büro stehen und rufen: "Sesam, öffne dich".
Unterschriftenaktion gegen neue Semesterzeiten
Regeln setzen bekanntermaßen dann ein, wenn der Verstand aussetzt: Nachdem das hochschulpolitische Vernichtungswerk des letzten Jahrzehnts an seinen eigenen Ansprüchen gescheitert ist, halten die selbsternannten Reformer umso verbissener daran fest, in der deutschen Hochschule keinen Stein auf dem anderen zu lassen. Auf Beschluss der Hochschulrektorenkonferenz sollen bis 2011 die Semesterzeiten an deutschen Hochschulen vorverlegt werden. Das neue Herbstsemester soll Anfang September statt Mitte Oktober beginnen, das Sommersemester Anfang März statt Mitte April. Als abgeschmacktes Argument führen die Reformbürokraten wieder einmal die Steigerung der internationalen Mobilität ins Felde; die Semesterzeiten müssten dazu unbedingt an diejenigen der Nachbarländer angepasst werden. Genau das wird allerdings die gewünschte Mobilität erneut vermindern (so wie alle anderen bisherigen Reformvorgaben auch, die sie angeblich fördern sollten). Eine Gastdozentur in Frankreich im September? Nicht mehr vorgesehen. Der Besuch des amerikanischen Professors im Juli? Aus und vorbei. Wem dieses Narrenwerk genauso stinkt wie dem Konstanzer Literaturprofessor Albrecht Koschorke, kann auf dessen Aktionsseite dagegen unterzeichnen.
http://www.aktion-semesterzeiten.de/
Nachtrag (30.10): Nebenbei bemerkt sollen durch die Verlegung die Vorlesungszeiten wohl insgesamt verlängert werden. Aus Sicht der derzeitigen Wissenschaftspolitik macht dies durchaus Sinn. Denn für sie, die aus Universitäten Fachschulen, aus Studenten unmündige Schüler und aus Forschern Verwalter macht, hat dies seine berechtigte, da innere Logik. Warum noch eine vorlesungsfreie Zeit, wenn nicht Bildung sondern wirtschaftsoptimierte Ausbildung ihre Marschvorgabe ist? Der letzte Freiraum für eigenen Forschungsdrang und Lektüre abseits der starren und für alle gleichen Seminarliteratur kann so nur als störendes Überbleibsel eines veralteten Bildungsbegriffs betrachtet werden, den es gilt endlich restlos zu beseitigen.
Nach der Krise ist vor der Krise
Kaum kracht der Finanzsektor zusammen, wird der Kapitalismus beerdigt - oder wenigstens neu frisiert. Kapitalismus reloaded, aber bitte 2.0, also ohne Gierbänker und Consulting-Heißdüsen, dafür mit einer extra Packung Regulierung und ganz viel neuer Bescheidenheit.
Zu den Kollateralgeschädigten des globalen Crashs zählen nicht nur die amerikanischen Häuslekäufer oder deutsche Risikoanleger. Schwer angezählt ist auch der Neoliberalismus, der uns - von Ackermann bis Zetzsche, von der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft bis zu Bundespräsident Horst Köhler - in den letzten Dekaden weltweit am liebsten auf dauerflexible Prekärexistenzen herunterderegulieren wollte. Beinahe tragisch, wie der als Vordenker und Querkopf gepriesene Ex-Finanzexperte Friedrich Merz (CDU) unlängst sein neuestes Buch vorstellte. Titel: Mehr Kapitalismus wagen. Autsch!
Doch alles kein Grund zur Schadenfreude. Die Maßnahmen und Regelungen, die die Regierungschefs jetzt für den Finanzsektor beschließen, überdecken das Wesentliche: Zum Beispiel dass der Umbau der deutschen Universitäten zu Dienstleistungsanstalten für den gehobenen Bildungsbedarf weiter - irreversibel - vorangetrieben wird. Kaum ein Mensch spricht in der alles beherrschenden Krise des Kapitals mehr vom totalen Scheitern der Bologna-Reform und den Bertelsmännern, die uns das alles mit ihren Effizienz und Exzellenz suggerierenden Rankings und "Qualitätsoffensiven" eingebrockt haben.
Und der Protest, der sich im Zorn gegen die Banken entlädt, er kommt erst gar nicht auf an den Universitäten. Kein Wunder, zum Protestieren bleibt den Studierenden, zwischen Privatkredit und Credit-Points, ja keine Zeit mehr.
Der Kapitalismus ist nicht untergegangen, er lenkt uns nur gerade erfolgreich von seinem eigenen Erfolg ab.
Wissenschaftskarriere
Wer eine Karriere in der Wissenschaft anstrebt, darf kein Problem mit Langstrecken haben. Vom Studienabschluss bis zur Berufung vergehen gut und gerne 10 bis 15 Jahre, manchmal mehr. Dazwischen liegen hübsch standardisierte sechs mal sechs Qualifikationsjahre inklusive Publikationszwang, Konferenzen, Ausschusssitzungen, Lehrverpflichtungen und Verwaltungskram - bekanntlich keine Herrenjahre.
Wer daran keinen gesteigerten Gefallen findet, weil er oder sie Wissenschaft allen Zeitgeistern zum Trotz immer noch für eine Frage der Muße, der Kreativität und der Bildung hält, was nur ein anderes Wort für Umweg ist, darf sich bei den Alten Rat und Trost holen:
"Ich habe die Erfahrung gemacht [...], daß die Wirkung meiner eigenen Sachen [...] in Wahrheit gar nicht mit individueller Begabung, Intelligenz und ähnlichen Kategorien etwas Entscheidendes zu tun hat, sondern vielmehr damit, daß ich durch eine Reihe von Glücksfällen, deren ich mich keineswegs rühmen möchte und an denen ich ganz unschuldig bin, in meiner eigenen Bildung nicht in derselben Weise den Kontrollmechanismen der Wissenschaft ausgesetzt gewesen bin, wie das sonst der Fall ist. Daß ich es also nach wie vor riskiere, ungedeckte Gedanken zu denken, die sonst von diesem übermächtigen Kontrollmechanismus, der da Universität heißt, den meisten Menschen schon sehr früh, vor allem in der Zeit, in der sie - wie man das so nennt - Assistenten sind, abgewöhnt werden. Es zeigt sich nun dabei, daß die Wissenschaft selber durch diese Kontrollmechanismen in den verschiedensten Bereichen so kastriert und so steril wird, daß sie dann gleichsam dessen bedarf, was sie selber verpönt, um überhaupt sich halten zu können."
Fraglich nur, wie lange die durchmodularisierte Bologna-Universität die Verpönten, von denen Theodor W. Adorno einst sprach, noch zur Promotion zulässt...
Akademischer Kapitalismus
In einem Radiogespräch mit dem Gründer des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung, Hellmut Becker, sagte der Philosoph und Soziologe Theodor W. Adorno vor über 40 Jahren einmal Folgendes:
„Also ich bin völlig der Ansicht, daß der Wettbewerb ein im Grunde einer humanen Erziehung entgegengesetztes Prinzip ist. Ich glaube im übrigen auch, daß ein Unterricht, der sich in humanen Formen abspielt, keineswegs darauf hinausläuft, den Wettbewerbsinstinkt zu kräftigen.“
Und weiter: „Ich kann mich nicht erinnern, daß in meiner eigenen Entwicklung [...] der sogenannte agonale Trieb jene entscheidende Rolle gespielt hat, die ihm zugemutet wird. Das ist im Schulfall eines jener Mythologeme, von denen unser Erziehungssystem nach wie vor voll ist.“
Der Dialog zwischen Becker und Adorno trägt den deftigen Titel "Erziehung zur Entbarbarisierung". Übertragen auf den gegenwärtigen Zustand unserer bolognesierten Elite-Universitäten ist dieses Pathos auch heute noch angebracht. Wir haben die Wahl: zwischen der Barbarei eines ellenbogenbewehrten "akademischen Kapitalismus" (Richard Münch) oder dem Kampf um freie und pluralistische Universitäten, die diesen Namen auch verdienen. "Bologna" ist gescheitert. Machen wir es schleunigst wieder rückgängig!
Das Scheitern von Bologna
Mittlerweile ist auch Staatsminister a.D. Julian Nida-Rümelin zu der Einsicht gelangt, dass der sogenannte Bologna-Prozess in jeglicher Hinsicht ein Fehlschlag ist.
In seinen "Thesen zur Hochschulpolitik in Deutschland" stellt der Münchner Philosophieprofessor fest, dass kein einziges der mit den Beschlüssen von Bologna verfolgten Ziele ereicht wurde. Im Gegenteil hätten u.a. die neue Modularisierung und Verschulung der Studiengänge, die Abschaffung renommierter Studienabschlüsse oder die europaweit ganz unterschiedliche Vergabe von "ECTS-Punkten" zu gesunkener Mobilität, zu weniger internationaler Vernetzung, zu geringerer Konkurrenzfähigkeit, zu gestiegenen Studienabbrecherquoten geführt. So sehr diese Feststellung zu begrüßen ist, fragt sich doch, wie lange unsere Universitäten noch Schaden nehmen müssen, bis endlich der hochschulpolitische Mut zur klaren Umkehr gefunden wird.
The times they are a-changin'?
"Um an der Universität vorwärtszukommen, also etwa vom Assistant Professor zum Ordninarius befördert zu werden, etc. muß man publizieren. Dieser Publikationszwang liegt hier auf allen wie ein Alpdruck. Die akademischen Zeitschriften sind vollgestopft mit Quatsch, an den der Autor auch nicht glaubt, der aber notwendig ist für Karriere. Keine dieser Zeitschriften zahlt je einen roten Heller; sehr wenige von ihnen werden gelesen. Ein Ausweg ist nur, statt ein Buch zu schreiben, sich ein Buch von anderen schreiben zu lassen und Editor zu werden. [...] Auch dies ist kein Schwindel, weil es allgemein üblich ist."
Ein aktuelles Statement zur Lage der Wissenschaft im Jahre 2008? Exakt!
Geschrieben am 15. November 1953 in einem Brief Hannah Arendts an ihren akademischen Lehrer und Freund Karl Jaspers.
Seit über 60 Jahren leiden alle an derselben Malaise - geändert hat sich nichts. Dabei gäbe es durchaus Möglichkeiten, dem Publikationszwang zu entrinnen.
Parallelen (II)
In ihrer dickleibigen Studie über das Verhältnis zwischen der jüdischen Denkerin Hannah Arendt und dem vielleicht deutschesten aller Philosophen, Martin Heidegger, beschreibt Antonia Grunenberg an einer Stelle, wie sich die Studienbedingungen unter den Nationalsozialisten - in Freiburg mit ausdrücklicher Zustimmung des Kurzzeitrektors Heidegger - wandelten:
"Das Studium war [...] verschult worden und, neben den schon immer üblichen Unterteilungen in Vorlesung, Übung, Pro- beziehungsweise Oberseminar, in Unter-, Mittel- und Oberstufe aufgeteilt worden. Mehrfach mussten die Studenten während ihres Studiums in Arbeits- und Wehrsportlager gehen [...]." (S. 192; A. G.: "Hannah Arendt und Martin Heidegger")
Ein böser Schelm, wer – politisch unkorrekt – Parallelen zu Credit Points, (unbezahlten) Praktika und Softskill-Trainings zieht und bei der europaweit organisierten Erziehung zur Müdigkeit und zum Konformismus an "Bologna" 2008 denkt statt an Berlin 1933...?
Der Vergleich mag anstößig klingen. Er ist es nicht. Oder will man "Bologna", dessen Kernelemente ausschließlich auf Unternehmerinteressen zugeschnitten sind, tatsächlich als modernisierte Fassung humanistischer (Persönlichkeits-)Bildung begreifen - Humboldt reloaded sozusagen?
"Bologna" hat so gut wie alle seine Ziele verfehlt, und gerade die (deutsche) Wirtschaft, für die man das alles angerichtet hat, fremdelt mit dem neuen Bachelor!
Fehlt jetzt eigentlich nur noch die Einführung von Pflichtsport ab dem 2. Semester. Von wegen gesunder Körper in einem gesunden Geist und so...
Gesucht: Professoraler Humor
Harold Marcuse ist nicht nur der Enkel von Herbert Marcuse, seines Zeichens Kritischer Theoretiker der ersten Stunde und gefeierter Starphilosoph der weltweiten 68er-Bewegung, sondern auch Professor für Geschichte an der University of California (Santa Barbara).
Was er von Studenten hält, die sich mit ihm über ihre Zensuren kabbeln wollen (engl. ,to bicker‘), hat er auf seiner informativen Homepage unmissverständlich klar gemacht – und damit ein (grün) leuchtendes Beispiel für professoralen Humor gestiftet, dass an Deutschlands bierernsten Eliteuniversitäten seinesgleichen sucht.
Hinweise auf löbliche Ausnahmen dringend erbeten!
Hochschulen jetzt Bock und Gärtner?
Vor einem knappen Monat hat der Akkreditierungsrat das Verfahren für die Systemakkreditierung von Hochschulen beschlossen. Hochschulen, deren Qualitätsmanagement den Regeln entspricht, sparen sich damit die zeit- und personalintensive Akkreditierung und Re-Akkreditierung, wie sie für Bachelor- und Masterstudiengänge in regelmäßigen Abständen vorgesehen ist.
Dass die Hochschulen die Überprüfung ihrer Studiengänge eigenverantwortlich durchführen, ist dabei zentraler Bestandteil des Konzepts. Auch eventuelle Kurskorrekturen sollen von den unmittelbar Betroffenen eingeleitet und umgesetzt werden. Bewerten Studierende Lehrveranstaltungen oder Betreuungsangebote auffällig negativ, ist es an Hochschulgremien, Professoren oder auch Verwaltungsmitarbeitern, geeignete Maßnahmen zu ersinnen und umzusetzen.
So viel Gestaltungsspielraum für "Experten in eigener Sache" ist zwar keine neue, aber eine durchaus zukunftsträchtige Idee. Für ihren Erfolg bedarf sie allerdings eines gewissen Einvernehmens der beteiligten Akteursgruppen sowie der Fähigkeit und des aufrichtigen Willens, Bestehendes zu verändern. Ist also die Systemakkreditierung nichts als ein lahmer Bock, der einen verwilderten Garten in Form bringen soll? Dieses skurrile Szenarion ist angesichts der mageren Reform- und Modernisierungsbilanz deutscher Hochschulen zumindest nicht auszuschließen.
Erledigt
Die Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge hat nicht nur international anerkannte und renommierte Hochschulabschlüsse wie den des Diplomingenieurs ruiniert, zu einer dramatischen Reduzierung der Auslandssemester sowie zur Verschulung des Studiums geführt. Nach einer neuen Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) führt der "Bachelor" in Zusammenwirkung mit den mittlerweile in den meisten Bundesländern erhobenen Studiengebühren auch zu hohen Studienabbrecherquoten in den Ingenieurswissenschaften. Also dort, wo es gerade an Nachwuchs mangelt. Man muss keine humboldtschen Ideale aus dem Leichenkeller holen, um einzusehen, dass der "Bachelor" keines seiner hochgesteckten Ziele erreicht hat. Waltete hochschulpolitische Vernunft, hätte er sich damit selbst erledigt.
