Gesellschaft
Wissenschaft, Planung, Vertreibung
Eine Ausstellung in Trier erinnert an die Verstrickungen der Wissenschaft in die Machenschaften der Nationalsozialisten
Im Juni 1942 übergab der Berliner Agrarwissenschaftler Prof. Konrad Meyer den Nationalsozialisten eine als "Generalplan Ost" bekannt gewordene Denkschrift zur "Germanisierung" der Ostgebiete. Der Plan sah vor, innerhalb von 25 Jahren fast fünf Millionen Deutsche im annektierten Polen und im Westteil der eroberten Sowjetunion anzusiedeln. Millionen slawischer und jüdischer Bewohner dieser Region sollten versklavt, vertrieben und ermordet werden. Die Pläne der Nationalsozialisten waren bezeichnend für den verbrecherischen Charakter ihrer Politik. Zugleich belegen sie die Skrupellosigkeit der daran beteiligten Experten, deren Arbeiten von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) in beträchtlichem Umfang finanziert wurden.
Unter dem Titel "Wissenschaft, Planung, Vertreibung - Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten" zeigt die Deutsche Forschungsgemeinschaft vom 1. Mai bis 29. Juli 2009 in der Universitätsbibliothek Trier eine Ausstellung, die von der engen Verbindung akademischer Forschung, rationaler Planung und Forschungsförderung im Dienste der nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungspolitik berichtet. In drei Abteilungen skizziert die Ausstellung die Vorgeschichte des Generalplans Ost, beleuchtet die Rolle der Wissenschaft sowie die Planungen für eine ethnische Neuordnung Osteuropas während des Zweiten Weltkriegs und wirft einen Blick auf die Realitäten von Umsiedlung, Vertreibung und Völkermord zwischen 1939 und 1945.
"Wissenschaft, Planung, Vertreibung - Der Generalplan Ost der Nationalsozialisten", eine Ausstellung der Deutschen Forschungsgemeinschaft vom 1. Mai bis 29. Juli 2009 in der Universitätsbibliothek Trier, Universitätsring 15, Trier, geöffnet montags bis freitags von 8 bis 24, samstags von 8 bis 19 und sonntags von 11 bis 15 Uhr, der Eintritt ist frei. Zur Ausstellung erscheint ein kostenloser Katalog.
Quelle: IDW
Ein neues Deutschland?
Zu Beginn dieses Jahres bat das Feuilleton der FAZ den Schriftsteller Jörg Albrecht, in Anklang an Stefan Zweigs Umbruchserfahrungen ("Die Welt von gestern") die Brüche in seiner eigenen Lebenswelt zu schildern. Leider ist nicht nur die Vermessenheit, den Erinnerungen eines schicksals- und leidgeprüften Exilanten des Zweiten Weltkrieges diejenigen eines in den BRD-Wohlstandsspeck der achtziger Jahre geborenen Jungautors gegenüberzustellen, der Redaktion anzulasten.
In seinem verhedderten Patchwork-Text "The world of morgen" beweist Albrecht vor allem, dass man im Jahr 2009, anders als in seinem Geburtsjahr 1981, weder Deutsch noch Englisch schreiben muss, um von der FAZ gedruckt zu werden. Ansonsten beschränken sich die Umbruchserfahrungen Albechts in erster Linie auf banale Beschleunigungserlebnisse vor der Videospielkonsole. Ob sich diese stark eingeschränkte Wahrnehmung daraus erklärt, dass Albrecht die meiste Zeit seines Lebens im Internet, vor dem Fernseher oder im "Strukturwandel" steckengebliebenem Ruhrgebiet verbracht hat, wissen wir nicht. Dass der Buchautor die dramatischen Zeitenwandel, die sich während seiner Lebensspanne inmitten Europas ereigneten, auf das Web 2.0 und die Erfindung der Digitalkamera reduziert, ist zweifelsohne mehr als ärgerlich. Als Altersgenosse schämt man sich ein wenig für derlei Nabelschau. Wäre doch so viel darüber zu sagen gewesen, wie sich das Deutschland, in das wir geboren wurden, in unseren Jugend- und Studienjahren einschneidend und atemberaubend rasch veränderte. (Auch für West-Deutsche.)
So bleibt es einem alten Hasen überlassen, von außen einen Blick auf "New Germany" zu werfen. Der Historiker Perry Anderson ergreift in der aktuellen Ausgabe der "New Left Review" die Gelegenheit für eine Bestandsaufnahme der tiefgehenden Veränderungen von Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur in Deutschland. In einem umfassenden Essay, dessen Ausführungen vom neoliberalen Schockprogramm der Schröderjahre, über den Bevölkerungsexodus in Ostdeutschland und die neuen Kriege bis hin zu gegenwärtigen Tendenzen im politischen Denken reichen, zeichnet Anderson ein Portrait der deutschen Gesellschaft, das befreit vom alltäglichen Nachrichten-Klein-Klein die gewaltigen Veränderungen aufzeigt, die uns aus der Nahperspektive so leicht zu entgehen drohen.
Klimaverantwortung als Verteilungsproblem
Wer trägt die Verantwortung für die Reduktion der klimaschädlichen Treibhausgasemissionen, wer trägt die Verantwortung für die Anpassung an die nicht verhinderten oder nicht verhinderbaren klimatischen Effekte? In der internationalen Diskussion sind zu diesen Fragen eine verwirrende Vielfalt von Zuteilungsregeln vorgeschlagen worden. Sie spiegeln jeweils unterschiedliche Gerechtigkeitsvorstellungen, aber auch unterschiedlich optimistische Einschätzungen ihrer politischen Durchsetzbarkeit wider. Ein grundlegender Dissens betrifft die Rolle des Verursacherprinzips in seiner historisch rückwärtsgewandten Anwendung: Gibt es stichhaltige Gründe, diejenigen Industrieländer besonders zu belasten, die im 19. und 20. Jahrhundert zu einem besonders hohen Anteil zur Klimaveränderung beigetragen haben?
Über diese und weitere Fragen spricht der Philosoph Dieter Birnbacher in einem Vortrag am 2. März 2009 im Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.
Weitere Informationen:
http://www.kulturwissenschaften.de/home/veranstaltung-173.html
Klein four
The path of love is never smooth
But mine's continuous for you
You're the upper bound in the chains of my heart
You're my Axiom of Choice, you know it's true
Was, bitte schön, ist das, mag sich der eine oder andere fragen?! Die Mathematiker unter unseren Lesern werden sich jedoch freuen: Endlich eine klare Sprache, ist der Text doch gespickt mit Anspielungen auf die Mathematik - continuous, upper bound, Axiom...!
Es handelt sich dabei um die erste Strophe des Smash Hits Finite Simple Group (of order two) von der Gruppe klein four. klein four sind eine acapellea Mathematiker-Band der amerikanischen Northwestern University, die mit abgeänderten Coverversionen und eigenen Liedern die Zuhörer amüsieren.
Wer die Gruppe hören möchte, kann dies beispielsweise hier und hier (wenn auch neun Monate zu früh) tun. Die Webseite der Gruppe mit mehr Informationen ist unter http://www.kleinfour.com/ zu finden.
Und für alle Mathematiker und Physiker, aber auch für diejenigen, die sich mit Mathematik eher schwer tun, hier die musikalische Einstimmung auf die nächste erste, zweite oder dritte Ableitung: I will derive!
Nerds III
Menschen können ja sooo kompliziert sein. Wie viel einfacher und schöner ist da die Kommunikation Mensch-Maschine? Und wie wunderbar ist es da erst, wenn Maschine mit Maschine kommuniziert?!
Dass dies weit über den Austausch von Nullen und Einsen hinausgehen kann, zeigt der im Juni letzten Jahres erschienene Film WALL-E. Die Erde wurde von uns Menschen endgültig zugemüllt und verlassen. Während die Nachkommen der letzten Erdbewohner nun schon 700 Jahre auf einem Vergnügungsraumschiff leben, von Robotern umsorgt und unfähig, sich selbst zu bewegen oder die reale Welt wahrzunehmen, wird auf der Erde aufgeräumt. Von einem einzigen, letzten Roboter: WALL-E, dem Waste Allocation Load Lifter – Earth-Class. Dieser hat in den Jahrhunderten der Einsamkeit dazugelernt, ist emotional, sammelt Lieblingsstücke und träumt von der Liebe, die er, wie soll es anders sein, von einem Video mit einem Musicalfilm lernt. Eines Tages kommt eine nagelneue Raumschiffdrohne auf der Suche nach Leben auf die Erde. Für WALL-E ist es (zunächst unerwiderte) Liebe auf den ersten Blick. Als die Drohne wieder vom Mutterschiff abgeholt wird, gibt es auch für WALL-E kein Halten und er folgt ihr ins Abenteuer.
Der Film funktioniert, auch wenn die Handlung nur bedingt überraschend ist, durch die unnachahmliche Darstellung der Schauspieler, das heißt, der animierten Figuren. Wenn man sieht, wie sehnsüchtig, traurig, glücklich oder wütend WALL-E mit seinen Fernglasaugen schauen kann, vergisst man die Maschine und sieht den Menschen.
Für Nerds ein Pflichtprogramm, aber auch für alle anderen eine gute Wahl als Abwechslung zum hundertsten Liebesfilm ala Hollywood.
Nerds II
Nerds werden unterhaltungstaulich. Die US-amerikanische Sitcomserie The Big Bang Theory, welche bereits in der zweiten Staffel beim US-amerikanischen Sender CBS läuft, portraitiert vier Nerds schlechthin:
Sheldon, der hochintelligente, aber leider völlig lebensuntaugliche theoretische Physiker, Howard, Raumfahrtingenieur, dessen siebziger Jahre Hemden immer ein wenig zu eng sind, der bei seiner Mutter wohnt, in schwarzer Satin-Bettwäsche schläft und sich für absolut unwiderstehlich hält, der indisch-stämmigen Physiker Rajesh, der kein Wort sagt, solange sich eine Frau in der Nähe befindet und nicht zuletzt Leonard, der eigentlich ganz normal ist und versucht, zwischen der Welt seiner Freunde und der Draußenwelt, dargestellt durch die Nachbarin Penny, die natürlich jung, knackig, blond und Kellnerin ist.
Es geht um den coolsten Roboter, die neuesten Computerspiele, um Star Trek und um das zwischenmenschliche Miteinander, das ja sooo kompliziert sein kann.
Nerds lieben Nerds, deshalb schadet es nicht, wenn man selbst ein kleines bisschen Nerd ist, um diese Serie zu mögen. Aber auch alle anderen werden ihren Spaß daran haben. Leider läuft sie noch nicht im deutschen TV, aber wer einmal die Chance hat, eine Folge zu sehen, dem sei dies wärmstens empfohlen.
Hier kann man sich Ausschnitte aus der Serie Big Bang Theory anschauen!
Nerds I
Junge Wissenschaftler kommen in der Öffentlichkeit nicht immer gut weg. Das ist ja wieder so ein Nerd, heißt es dann. Eine Definition von „Nerd“ ist schwierig und im Rahmen der üblichen Nachschlagewerke nicht zu finden. Wikipedia, ein Projekt von Nerds und mit Nerds, wenn man so sagen will, versucht sich mit einer Definition. Was herausgekommen ist, ist eher Beschreibung, als Definition. Nerds, so die Quintessenz, sind lebensfremde Typen ohne maßgebliche soziale Kontakte, eigenbrötlerisch, jenseits von Gesellschaft und Moden, aber oftmals (in einem Fachgebiet) hoch intelligent und engagiert. Nerds, so heißt es dort, sind die junge Form des verrückten Professors: gern karikiert dargestellt mit wilder Mähne, Hornbrille und einer Kleidung, die aus der Jugend des Vaters stammen könnte.
Wurden Nerds bisher von Außenstehenden eher abwertend beurteilt, so hat sich das geändert. Das Deutschlandradio-Feature “Nerds, Geeks und Freaks“ vom 4. Januar 2008 kommt zu dem Schluss, dass Nerds die großen Gewinner der letzten Jahre sind. Sie haben das Wissen und die Kompetenzen, um weiterzukommen. Es ist schick, ein Nerd zu sein.
Wenn junge Forscher Nerds sind, und sciencegarden DAS Magazin für junge Forschung ist und Nerds im kommen sind: Dann dürfte auch die Zukunft für sciencegarden gesichert sein!
Wer sich's leisten kann
Wen das Gerede von der "Neuen Bürgerlichkeit" ebenso befremdet wie den Berliner Soziologen Hans-Peter Müller, wird sich über dessen Ausführungen in der Januar-Ausgabe des Merkur freuen. Dort fragt Müller, warum die Rede von einer (neuen) Bürgerlichkeit grassiert, wo doch "die gegenwärtige gesellschaftliche Verfassung weit entfernt von einer bürgerlichen Gesellschaft klassischen Zuschnitts ist und Vorstellungen vom Bürgertum eine Sozialformation umreißen, die lange schon der Vergangenheit angehört." Dass Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen, legt der Soziologe in seinem Essay ebenso dar, wie er den Nieder- und Untergang des Bürgertums historisch umreißt. Müller stellt fest, dass "vor dem Hintergrund der Gesundung von Unternehmen und Staat auf dem Rücken der Bürger [...] den Betroffenen die Rede von »neuer Bürgerlichkeit« als angesonnenes Wert-, Stil- und Habitussyndrom wie purer Zynismus vorkommen" muss. Und weiter: "Sie ist ein Synonym für zu geringe Löhne und Einkommen, zu geringe private Kaufkraft und nur schwache private Vorsorgefähigkeit, höhere Kosten für Lebenshaltung, höhere Abgaben und Steuern und trotz veritabler Wirtschaftskonjunktur und einem Rekordsteueraufkommen für den Staat kein Hoffnungsschimmer am Horizont. Das Resultat ist Verunsicherung, massive Statusangst bis weit in die Mittelschicht und geringe Zuversicht."
Müllers Wort tun gut in Zeiten, in denen diese Mittelschicht auch in Europa ökonomisch und sozial zerstört wird. Seinem Fazit schließt man sich gerne an: Viele Bürger würden gern dem neuen Narrativ der Bürgerlichkeit folgen, allein es fehlen ihnen die Mittel dazu."
Erst unterrichten, dann Karriere machen
Was in den USA bereits eine Erfolgsgeschichte ist, soll nun auch in Deutschland Früchte tragen. Die Rede ist nicht vom größten Konjunkturpaket aller Zeiten, das der neu gewählte amerikanische Präsident in atemberaubender Geschwindigkeit soeben geschnürt hat. Gemeint ist ein Programm, in dem hochqualifizierte Uni-Absolventen zwei Jahre lang Karriereaskese üben und als Hilfslehrer an so genannten Brennpunktschulen unterrichten. Dort, wo Kinder nicht nur von einem schlechten Startplatz aus ins Klassenzimmer strömen, sondern auch kaum Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung und Beschäftigung haben, von Bildung ganz zu schweigen.
"Teach First Deutschland" nennt sich die von namhaften Firmen und Institutionen geförderte Initiative, die diese düsteren Perspektiven von zwei Seiten aus aufbrechen will: Indem sie benachteiligte SchülerInnen durch zusätzliche Spitzenlehrkräfte motiviert (was in den Mutterländern der Idee, den USA und England, nachweislich gelingt), aber vor allem, indem sie die Elite-Praktikanten, die nach zwei Jahren auf Posten in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wechseln, durch ihren Einsatz für die bildungspolitischen Belange der SchülerInnen sensibilisiert.
Wer sich jetzt für diesen lehrreichen Umweg entscheiden und bei Teach First bewerben will, findet auf der übersichtlichen Webseite ausführliche Informationen.
Die Frage aller Fragen
Überholte Technik dominiert die Szene so sehr, dass sie dem Kinobesucher fast psychedelisch entrückt erscheint: Während in der Fernschreibzentrale junge Fauen in emsigem Stakkato auf ihre Schreibmaschinen einhacken, meint der Beobachter mit heutigem Kenntnisstand, dass sich im Hintergrund ein unheilvolles Geschehen wie bleierner Nebel dem Angesicht der Erde nähert. Haftbefehle gegen Stauffenberg und Goebbels - welcher soll weitergegeben werden? Der diensthabende Offizier kommt nur kurz ins Grübeln - natürlich beide.
Diese Art, den Showdown zwischen Widerständlern und dem Führerhauptquartier zu inszenieren, ist typisch für "Operation Walküre". Regisseur Bryan Singer gelingt es, die Entschlossenheit von Stauffenberg und die Bedeutung des Geschehens zu transportieren, ohne dabei die kleinen Stolpersteine und den Faktor Zufall aus den Augen zu verlieren. Die Dramaturgie des Films ist dabei preußisch-genau mit der motivischen Dichte und Verschlungenheit einer Wagner-Oper: Auch der unbedarfte Zuschauer ahnt, dass der Spiel-Schwertkampf von Stauffenbergs Kindern zu den schmetternden Klängen des "Walkürenritts" mehr beinhaltet als die zündende Idee, wie das Attentat samt politischer Machtübernahme zu bewältigen sei. Gleichzeitig erinnern die Texte, in denen beispielsweise Hitler sagt, er wünsche "es gäbe mehr Männer wie [Stauffenberg]" in ihrer ahnungsvollen Doppeldeutigkeit fast schon an Shakespeare.
Sein Momentum gewinnt der Thriller mit ernstem Hintergrund denn auch nicht aus dem eigentlichen Geschehen, dessen Ausgang ja bekannt ist. Vielmehr wirkt er durch das ständig sichtbare Ringen zwischen der stringenten Ausführung eines militärischen Plans auf der einen und Zufall und menschlichem Zweifel auf der anderen Seite. Von diesem Zaudern werden alle Dienstränge gleichermaßen erfasst: Hier bekommt General Olbricht plötzlich (und zurecht) Angst vor der Linientreue seines Vorgesetzten Fromm, dort wollen Stabsunteroffiziere "in jedem Fall auf der richtigen Seite" stehen. Indem er das Innere seiner Protagonisten auf die Bühne zerrt, antwortet der Regisseur auf die zweitwichtigste Frage zu "Operation Walküre": Nein, das deutsche Volk erhält durch diesen Film keine völlig weiße Weste!
Darüber bringt der Film aber auch eine der zentralen Fragen der Historiker ins Bewusstsein: Im Gegensatz zu "Der Untergang" legt "Operation Walküre" ein vorzeitges Ende des Hitler-Regimes nämlich als durchaus möglichen Pfad der Geschichte nahe. Und im Anschluss daran die Überlegung: Wie wichtig ist die Person Adolf Hitler für das Deutschland der Jahre 1933-1945?
Europa ohne Bürger
Am 10. und 11. Februar wird sich hierzulande das Bundesverfassungsgericht mit dem sogenannten Reformvertrag von Lissabon auseinandersetzen, der einen europäischen Quasistaat begründen wird, mit einer Verfassung, "wie man sie vielleicht in der Mitte des 19. Jahrhunderts notfalls gerade noch für eine kurze Übergangszeit in Kauf genommen hätte" (Burkhard Hirsch). Nach dem skandalösen Ausbleiben einer seriösen Debatte - sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Parlamenten - bleibt die Judikative die letzte Bastion, die uns vor einer solchen Verfassung vielleicht noch retten kann.
Während die Eliten in Politik, Wirtschaft und Bürokratie den Integrationsprozess Europas auf zunehmend chauvinistische Weise als Erfolgsgeschichte propagieren, kann der Bürger nicht einmal mehr über sein wesentlichstes politisches Gut bestimmen: seine verfassungsrechtlich verbürgte Souveränität. Der Soziologe Max Haller (Universität Graz) hat untersucht, wie diese Kluft entstanden ist und welche Interessen die Eliten mit der Integration verfolgen. In seinem neuesten Buch "European Integration as an Elite Process - The Failure of a Dream?" entwickelt Haller auch Vorschläge, wie die EU demokratischer gestaltet werden könnte. Dies und mehr wird der Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung mit den Politologen Prof. Michael Zürn und Dr. Miriam Hartlapp diskutieren.
"Europa ohne Bürger. Die EU-Integration als Projekt der Eliten", Max Haller (Universität Graz) im Gespräch mit Michael Zürn und Miriam Hartlapp (beide WZB), Wissenschaftszentrum Berlin, 27.01.2009, 17 bis 19 Uhr. Anmeldung erbeten bis zum 22. Januar 2009. Marie Unger: marie.unger@wzb.eu, Fax: 030-25491-680. Weitere Informationen: http://www.wzb.eu
Ali Baba vor verschlossener Tür
"Sesam, öffne" dich -- mit so einer einfachen Zauberformel öffnet Ali Baba die Schatzkammer. Aber die Zeiten sind vorbei: Um sich selbst von der gescheiterten BA-Reform abzulenken, erfinden die deutschen Hochschulen neue Ärgernisse. Dozenten und Professoren, die gar nicht erst in ihre Büros oder Seminarräume kommen, können auch keine Kritik üben.
Viele Hochschulen führen zur Zeit so genannte "Transponder"-Schließsysteme ein, der alte Schlüssel ist passé: eine perfekte mechanische Technik, die nicht verbesserungsfähig ist, kann man schließlich nur noch abschaffen. An die Stelle des Schlüssels tritt ein elektronisches Ding mit einem Knopf. Das wird zentral programmiert, die Büronummer und die Seminarräume, in denen man unterrichtet, werden gespeichert: jedes Semester neu. Es gibt keine Türklinken mehr, sondern ohne das elektronische Ding -- ähnlich wie in unsympathischen Hotels -- kommt man weder rein noch raus. Man muss kein Soziologe sein, um zu ahnen, was daraus in der Praxis der Massenuni werden wird: Wie soll man noch einen Raum tauschen, wenn das eine Seminar klein, das eines Kollegen aber groß ist? Wie kommen studentische Hilfskräfte und Projektmitarbeiter in die Räume? Sind die Besprechungsräume noch zugänglich? Was passiert, wenn die Batterie des "Transponders" leer ist? Dann fällt das Seminar, die Sprechstunde, einfach alles aus!
Einen Pförtner, oft die letzte Insel des gesunden Menschenverstandes an der Uni, wird es nicht mehr geben. Weil die ja typischer Weise die Schlüssel herausgaben. Ein Kollege erzählte mir, wie die Neuprogrammierung vor sich geht: Es geht ein Antrag an den Dekan, der segnet ihn ab und sendet ihn an einen Mitarbeiter der Verwaltung, der schickt eine entsprechende Anweisung an den Hausmeister, der hat einen Mitarbeiter, um den Transponder neu zu programmieren. Dies muss für alle Mitarbeiter der Hochschule erledigt werden. Wie viel Zeit wird dieser Verwaltungsweg benötigen? Wie ruhig hingen die einfachen Schlüssel in einem Schrank? Eigentlich will man nur in sein Büro. Oder in einen Seminarraum, vor dem eine Gruppe Studierender wartet. Wir freuen uns auf diese Zukunft. Ich werde verzweifelt vor meinem eigenen Büro stehen und rufen: "Sesam, öffne dich".
Finanzkonglomeraterichtlinieumsetzungsgesetz
"Denk' ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen..."
So bitter sich einst der Exildichter Heine in seinen Pariser "Nachtgedanken" nach dem Vaterland sehnte, so düster klingen seine Verse heute nach, wenn uns die Bilder der jüngeren deutschen Geschichte vor Augen treten. Ach ja, die Deutschen! "Für die Weltgeschichte habt ihr genug getan", seufzte schon Churchill. Dazu noch die eklatante Humorlosigkeit, das fette Essen, die preußische Akkuratesse...
Aber wie steht es heute wirklich um unser Ansehen in der Welt? Was denken die anderen von uns - und was können wir dadurch über uns selbst lernen? Fragen, auf die ein glanzvoll geschriebener und reichlich illustrierter Band aus dem Bucher-Verlag auf das Unterhaltsamste zu antworten weiß: "Piefke, Krauts und andere Deutsche. Was die Welt von uns hält", 187 Seiten, 140 Abbildungen, 24,95 Euro und hochgradig geschenktauglich.
Dem Bamberger Autorenpaar Andrea und Martin Schöb, die hauptberuflich unter anderem eine Text- und Übersetzungsagentur betreiben, gelingt in ihrem Buch, was man heute nur noch selten findet: Die Verbindung von profundem Wissen und subtilem Humor mit verblüffenden Details, die pars pro toto das Große im Kleinen erhellen. Kein einziges der zehn Kapitel - über deutsche Ordnung, deutschen Humor, deutsches Essen und deutsche Kultur... - hat einen Hänger, die feine, lebendige Sprache beglückt den Leser permanent und die Überleitungen am Ende jedes Kapitels machen es schwer, den Band nicht in einem Stück zu lesen, und das obwohl "die Deutschen" ja bekanntlich zu monströsen Bandwurmwörtern (siehe Überschrift) und ominösen Rechtschreibreformen neigen.
Am Ende des Buches weiß man nicht nur, wie viele Brathähnchen während des Oktoberfests verschlungen werden (und - typisch deutsch? - wie viel Müll auf der Wies'n anfällt) oder dass es überall auf der Welt Gartenzwegbefreiungsarmeen gibt. Sondern vor allem, dass unser Land von außen oft differenzierter und freundlicher wahrgenommen wird, als wir selbst das für gewöhnlich tun. Ob Heine deshalb heute besser schlafen würde, steht zwar auf einem anderen Blatt. Die Tränen aber müssten ihm nicht mehr fließen.

Nachbarschaftsverständnishilfe
Wenige europäische Völker haben unter Hitlers Vernichtungsfeldzug so sehr gelitten wie die Polen. Die Wunden sind bis heute nicht vernarbt. Und schnell wieder aufgerissen, wie man an der Debatte um das geplante Vertriebenenzentrum in Berlin oder an den Versuchen der letzten polnischen Regierung unter Jaroslaw Kaczynski ablesen konnte, aus der besonderen Schwere der Kriegsfolgen eine europäische Sonderrolle für das Land abzuleiten.
Die Auseinandersetzung der Polen mit den einstigen Besatzern aus dem Westen reicht zurück bis ins Mittelalter - fast ebenso lange kursieren schon jene hartnäckigen Vorurteile der Deutschen über die vermeintliche ökonomische und politische Unfähigkeit ihres östlichen Nachbarn und seinen angeblichen Hang zur Kleptomanie ("Polenwitze"). Doch sie überdecken nur, wie eng beide Länder miteinander verbunden sind - und dass es höchste Zeit wird, einander wieder näher kennen zu lernen. Europa sei dank, hindert uns daran eigentlich nichts mehr. Die Grenzen sind offen, viele Polen sprechen fließend Englisch oder Deutsch. Und doch scheint uns das Land so fern und unbekannt wie Afrika und - die Vorurteile sitzen tief - wohl auch ein wenig unheimlich. Allein es fehlt an Wissen!
Wussten Sie zum Beispiel, was die Preußen mit den Polen zu tun haben, warum polnische Konservative die deutschen Christdemokraten nicht mögen, wie der polnische Papst Johannes Paul II. die deutsche Wiedervereinigung ermöglicht hat und aus welchen historischen Gründen Polen - in Europa nahezu isoliert - für den Irak-Krieg George W. Bushs stimmte? Oder dass Karl Marx und Friedrich Engels gewissermaßen den Vorläufer der EU gründeten - gemeinsam mit einem Polen?
Diese und andere Fragen klärt Thomas Urban in der neuen, von Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker herausgegebenen und liebevoll aufgemachten Reihe "Die Deutschen und ihre Nachbarn". Der langjährige SZ-Korrespondent, selbst mit einer Breslauer Polin verheiratet und wohnhaft in Warschau, bringt seinen Lesern auf 170 Seiten persönlich, kompakt und kenntnisreich die wichtigsten Wegmarken deutsch-polnischer (Mentalitäts-)Geschichte nahe. Mehrere Abbildungen und Karten, Zeittafel und Literaturverzeichnis runden den positiven Gesamteindruck ab und verleiten dazu, den geplanten Asienurlaub umgehend zu stornieren.
Die auf dem Buchumschlag stilisierte Marienkirche steht übrigens in Krakau (polnisch: Krakow), bis 1596 Hauptstadt Polens und Sitz der zweitältesten Universität Mitteleuropas, inmitten eines Viertels, dass architektonische Glanzstücke aus Gotik, Renaissance und Barock versammelt und für sich schon eine Reise wert ist.

Stadt oder Leben!
Haben wir die Stadt, den Mittelpunkt unseres Lebens, Schaffens und Sterbens in schlechte Hände gegeben? Autobahnen zerschneiden einstige Ruheräume, kahle Hochhausfassaden veröden ganze Viertel, in den Wohnsilos vegetieren wir nachbarschaftslos vor uns hin.
In der neuen Ausgabe des Merkur geht der hierzulande relativ unbekannte Philosoph und konservative Außenseiter Roger Scruton nicht nur aus ästhetischen Gründen mit den Architekten und Stadtplanern der Moderne hart zu Gericht, die den Kampf um die Ideen an den Universitäten zu unser aller Leid gewonnen hätten:
"Die Vandalisierung des Curriculums verlief erfolgreich: Die europäischen Fakultäten für Architektur brachten den Studenten nicht mehr die Grammatik der klassischen Säulenordnungen bei, sie unterrichteten nicht länger, wie Friese zu verstehen sind, wie man die bestehenden Baudenkmäler, städtischen Straßen, den Körper des Menschen zeichnet, noch solche wesentlichen ästhetischen Phänomene wie den Lichtfall auf einem korinthischen Kapitell oder den Schatten eines Campanile auf einem schräg abfallenden Dach; nicht länger wurde das Verständnis von Fassaden gelehrt, von Gesimsen, Toröffnungen oder irgendetwas anderem, was man durch das Studium der Werke von Sebastiano Serlio oder Andrea Palladio in Erfahrung bringen konnte. Das Ziel des neuen Curriculums bestand darin, ideologisch motivierte Ingenieure auszubilden, deren zeichnerische Fähigkeiten nicht über Grundrisse und isometrische Zeichnungen hinausgingen und die die gigantischen Projekte des sozialistischen Staates vorantreiben würden: Menschen in Wohnsiedlungen zu schaufeln, Pläne für Industrie- und Gewerbegebiete aufzureißen, Schnellstraßen durch alte Stadtzentren zu schlagen und überhaupt das Bürgertum daran zu erinnern, dass Big Brother es kontrollierte."
Als ideellen Widerpart und Verheißung auf ein besseres Stadtleben bringt Scruton den luxemburgischen Architekten Léon Krier auf den Reißplan. Dessen Entwürfe der englischen Stadt Poundbury sind tatsächlich ganz im positiven Sinne reaktionär.
