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Causa Guttenberg: Schattenwürfe auf das deutsche Wissenschaftssystem

Dirk Matten, in Düsseldorf promovierter Betriebswirtschaftswissenschaftler und Inhaber des Hewlett-Packard-Lehrstuhls für Corporate Social
Responsibility an der Schulich School of Business der York University in
Toronto, Kanada, hat einen distanzierten Ausblick auf die Causa Guttenberg. Eine solche Optik kann, wie man weiß, der Erkenntnis förderlich sein.

Und so weist Matten in einem lesenswerten Kommentar für Spiegel Online zu Recht darauf hin, dass bei aller Hähme, die ob seines akademischen Vergehens nun auf Herrn zu Guttenberg einprasselt, kaum jemand über die Beihilfe spricht, die das deutsche Wissenschaftssystem in der ganzen Angelegenheit geleistet hat.

Vielleicht sollte man das Exempel Guttenberg nicht nur zum Anstoß nehmen, über Wahrheit und Lüge in der Politik, das Promotionsansinnen von Politikerinnen (wie z.B. Kristina Schröder) und Wirtschaftsführern oder anti-intellektuelle Ressentiments der Bevölkerung zu debattieren. Es wird höchste Zeit, dass auch die Wissenschaft in sich geht: Doktorarbeiten, die von ihren Betreuern benotet, aber vielleicht nicht einmal gelesen werden, Graduiertenschulen, die im eigenen Saft schmoren, Gefälligkeitsgutachten für eigene Schützlinge etc. pp. desavouieren einen in Deutschland erworbenen Doktorgrad wohl nicht weniger als ein ministerielles Plagiat.

Causa Guttenberg - offener Brief an Angela Merkel

Während der Druck auf Bundesselbstverteidigungsminister zu Guttenberg beinahe stündlich wächst, und inzwischen auch hochrangige Wissenschaftsvertreter einen Betrüger nennen, was ein Betrüger ist, sammeln Deutschlands DoktorandInnen im Internet Unterschriften unter einen offenen Brief an Dr. Angela Merkel.

Darin wird der Kanzlerin in vorzüglichen Worten erläutert, was der Fall ist, warum Herr zu Guttenberg alle ehrlich Promovierenden und in der Wissenschaft Lehrenden verhöhnt und warum das ein Ende haben muss. Dem ist nichts hinzuzufügen außer der eigenen Unterschrift!

PS: Auch Promovierte und Habilitierte sind freundlich eingeladen, ihren Servus unter das Dokument zu setzen.

Goodbye academia!

Ein junger, erfolgreicher (Natur-)Wissenschaftler sagt der Wissenschaft schallend Adieu, holt sich sein Leben zurück - und trifft damit offenbar einen Nerv. In seinen Reflexionen angesichts der überwältigenden Reaktionen kommt er zu dem Schluss: "There is really something wrong with the ways of academic work out there". Dem ist nichts hinzuzufügen, außer einem Imperativ: Lesen!

Guttenberg-Debatte: 70 Dozenten stellen sich gegen die Bagatellisierung des Plagiats

Plagiat ohne Konsequenzen? In einem Brief an den bayrischen Staatsminister für Wissenschaft äußern sich 70 Universitätsdozenten besorgt über mögliche negative Auswirkungen auf die wissenschaftlichen Standards an deutschen Hochschulen:

Herrn
Staatsminister Dr. Wolfgang Heubisch
Bayerisches Staatsministerium für Wissenschaft, Forschung und Kunst
Salvatorstraße 2
80333 München

München, 22.02.2011

Sehr geehrter Herr Minister,

die Unterzeichneten, die an der Ludwig-Maximilians-Universität München Sprach- und Literaturwissenschaft lehren, beobachten die derzeitige Diskussion um die Plagiate in der Dissertation Karl-Theodor zu Guttenbergs mit großer Sorge. 

Wir achten bei unseren Studierenden sehr sorgfältig darauf, dass sie vom ersten Semester ihres Studiums an die allgemein akzeptierten, etwa auch von der DFG klar definierten Standards wissenschaftlichen Arbeitens einhalten, darunter vor allem auch die Pflicht zum Nachweis von Zitaten. Selbst vermeintlich geringfügige Verstöße gegen diese Regeln führen mindestens dazu, dass kein Schein für die Veranstaltung ausgestellt wird (bzw. keine ECTS-Punkte vergeben werden), zu der die entsprechende Seminararbeit angefertigt wurde. Dies wird dem Verfasser der entsprechenden Arbeit in einem persönlichen Gespräch mitgeteilt. 

Als Verstöße, die zu diesen Sanktionen führen, verstehen wir (im Einklang mit den allgemein akzeptierten Standards) bereits solche, die weit unterhalb der Ebene dessen liegen, was auch nur in einem ersten Bericht über nicht nachgewiesene Zitate in der Dissertation Karl-Theodor zu Guttenbergs dokumentiert wurde (1) - und dabei handelt es sich nur um einen kleinen Auszug von inzwischen eindeutig nachgewiesenen Plagiaten. 

Wir maßen uns wohlgemerkt nicht an, in Untersuchungen einzugreifen, die jetzt von der Universität Bayreuth bereits eingeleitet wurden; noch weniger wollen wir uns in Debatten über mögliche politische Konsequenzen einmischen. 

Vielmehr wenden wir uns an Sie, weil die Diskussion über diesen Fall uns sehr beunruhigt. In der Öffentlichkeit wird nämlich zunehmend der Eindruck hergestellt, es handle sich hier um eine im engeren Sinne politische, also parteipolitische Debatte. Und leider vertreten manche Politiker dabei die Position, es habe sich bei dem Verhalten des Promovenden um einen Kavaliersdelikt wie Falschparken gehandelt, das im Wissenschaftsbetrieb allerorten üblich sei, so dass dieser spezielle Fall überhaupt nur aufgedeckt worden sei, um eine "Schmutzkampagne"(2) oder gar einen "politisch motivierten Angriff von ganz Linksaußen"(3) gegen einen Regierungspolitiker zu führen. 

Die Unterzeichneten möchten an der Universität weiterhin in der Lage sein, mit großer Strenge die Standards wissenschaftlichen Arbeitens nicht nur selbst einzuhalten, sondern sie auch unseren Studierenden zu vermitteln. Wir halten dies nicht für eine parteipolitische Aufgabe. Diese Arbeit wird aber beträchtlich erschwert, wenn der Eindruck verbreitet wird, Plagiate im Wissenschaftsbetrieb seien ganz üblich und würden nur ausnahmsweise von Linksradikalen aufgedeckt. Wir bitten daher Sie als den für uns zuständigen Staatsminister, uns in unserer Arbeit zu unterstützen, indem Sie auch öffentlich diesem Eindruck entgegentreten. 

Mit freundlichen Grüßen 

R. Stockhammer.

im Namen folgender Kolleginnen und Kollegen in alphabetischer Reihenfolge (welche die Bereitschaft zu unterzeichnen, per E-Mail an den Verfasser dieses Briefes mitgeteilt haben):
Vera Bachmann, M.A., Neuere Deutsche Literatur
Prof. Dr. Christian Begemann, Neuere Deutsche Literatur
Prof. Dr. Klaus Benesch, Nordamerikanische Literaturgeschichte
Anna-Lisa Dieter, M.A., Neuere Deutsche Literatur
Dr. Annette E. Doll, Nordische Philologie
Prof. Dr. Tobias Döring, Englische Literaturwissenschaft
PD Dr. Hilke Elsen, Germanistische Linguistik
Prof. Dr. Wolfram Ette, Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft
Dr. Michael Ewert, Deutsch als Fremdsprache
Dr. Wolfgang Falkner, Anglistische Linguistik

1 Vgl. Roland Preuß/Tanjev Schultz, "Verteidigungsfall", in: Süddeutsche Zeitung, 15.2.2011, Seite 2.
2 Günter Krings (Stellvertretender Vorsitzender der CDU/CSU-Fraktion im Deutschen Bundestag), zitiert in: Handelsblatt online 17.02.2011, 07:04 Uhr, http://hb2010.handelsblatt.com/politik/deutschland/union-wittert-schmutz... [Letzter Aufruf: 20.02.2011]
3 Hans-Peter Friedrich (Vorsitzender der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag), zitiert in: Focus Online, Mittwoch 16.02.2011, 21:21,
http://www.focus.de/politik/deutschland/plagiatsvorwuerfe-csu-politiker-... [Letzter Aufruf: 20.02.2011]

Bildungs(bananen)republik Deutschland

Nun hat sich auch die Bundeskanzlerin, Dr. Angela Merkel, zur Plagiatscausa Guttenberg geäußert. Sie habe keinen Wissenschaftlichen Mitarbeiter ins Kabinett berufen, sondern einen Verteidigungsminister. Das ist so richtig wie ehrenrührig. Wer es für kargen Lohn und ohne geregelte Berufsaussichten (nebenbei bemerkt: auch ohne ein Familienvermögen von rund 600 Mio. Euro im Rücken) mit der Wahrheit genau nimmt, darf sich von der promovierten Physikerin aus dem Berliner Regierungsviertel düpiert fühlen.

Jetzt wissen wir also, wie ernst es der Kanzlerin mit der "Bildungsrepublik Deutschland" ist, die sie vor wenigen Jahren vollmundig ausrief. Ihre Verachtung für das höchste Gut der Wissenschaft - deren handwerkliche Redlichkeit und den Anspruch unbedingter Glaubwürdigkeit - zeigt, dass es ihr nicht so sehr um Deutschlands Zukunft, sondern vor allem um die ihres eigenen Kabinetts bange ist.

Jede seriöse Hochschule ist bestens beraten, Plagiatsversuche bei Abschluss- und insbesondere bei Doktorarbeiten strengstens zu ahnden. Nichts weniger als ihr Renommee steht auf dem Spiel. Auch wenn große Teile der deutschen Bevölkerung in Guttenbergs Fehlverhalten eine lässliche Sünde sehen wollen: Wer in der Wissenschaft abkupfert, gefährdet nicht nur seinen akademischen Abschluss, er untergräbt die Grundfesten der Wissenschaft und ruiniert ihr Ansehen. Einer wettbewerbsbewussten Kanzlerin darf das nicht gleichgültig sein! Und all jenen, die durch ihr Statement herabgesetzt worden sind, auch nicht.

Fußnoten...

Der amtierende Bundesverteidigungsminister Karl Theodor Freiherr von und zu Guttenberg steht derzeit wegen seiner 2007 an der Universität Bayreuth mit "summa cum laude" bewerteten juristischen Dissertationsschrift unter Plagiatsverdacht. Hat er oder hat er nicht - abgeschrieben, Anführungszeichen nicht gesetzt, Fußnoten vergessen?!

Dass Dr. Guttenberg ein eigenes Verhältnis zur Wahrheit unterhält, ließ sich schon bei seinem Amtsantritt als Minister der Großen Koalition feststellen. Da gab er an, bereits reichlich Erfahrung als mittelständischer Unternehmer gesammelt zu haben und insofern bestens qualifiziert zu sein für das Wirtschaftsministerium eines Landes, dessen gern zitiertes ökonomisches Rückgrat bekanntlich aus lauter emsigen Mittelständlern besteht. Tatsächlich hatte "KT", wie Freunde und Fans den Freiherrn gerne nennen, nur das Guttenbergsche Hausvermögen verwaltet.

Dass es bei der Anfertigung seiner Dissertation nun jedoch derart krumm zugegangen sein sollte, wie weiland im Fall eines blaublütigen Kollegen, dem Hohenzollernprinzen Friedrich Wilhelm (der seinen akademischen Grad schließlich reumütig "zurückgab"), wollen wir zu Guttenbergs Gunsten nicht hoffen. Vielleicht hätte er vor Abgabe seiner Arbeit aber doch einfach mal bei seinem Großvater nachlesen sollen, wie das mit den Fußnoten so läuft...

Hörsaalmüdigkeit

„War es denn ähnlich mit den Müdigkeiten der Studienzeit? Nein. Kein Schuldgefühl mehr. Die Müdigkeit in den Hörsälen ließ mich mit den Stunden im Gegenteil sogar aufsässig oder aufbegehrend werden. Es war in der Regel weniger die schlechte Luft und das Zusammengezwängtsein der Studentenhunderte als die Nichtteilnahme der Vortragenden an dem Stoff, der doch der ihre sein sollte. Nie wieder habe ich von ihrer Sache so unbeseelte Menschen erlebt wie jene Professoren und Dozenten der Universität; jeder, ja, jeder Bankangestellte, beim Hinblättern der, gar nicht seiner, Scheine, alle Straßenteerer in den Hitzeräumen zwischen Sonne oben und Teerkoch unten wirkten beseelter. Wie mit Sägemehl ausgestopfte Würdenträger, deren Stimmen keinmal von dem, was sie besprachen, in ein Schwingen des Staunens (des guten Lehrers selber über seinen Gegenstand), der Begeisterung, der Zuneigung, des Sich-Fragens, der Verehrung, des Zorns, der Empörung, des Selber-nicht-Wissens gebracht wurden, vielmehr unablässig nur leierten, abhakten, skandierten – freilich nicht im Brustton eines Homer, sondern dem der vorweggenommenen Prüfung –, höchstens zwischendurch mit dem Unterton eines Witzelns oder einer hämischen Anspielung für Eingeweihte,
während es draußen vor den Fenstern grünte und blaute und dann schon dunkel wurde: bis die Müdigkeit des Hörers in Unwillen, der Unwille in Übelwollen umschlug.“

Peter Handke (1989): Versuch über die Müdigkeit, S. 9f.

Guten Appetit!

"Wie nun das viele Lesen und Lernen dem eigenen Denken Abbruch tut, so entwöhnt das viele Schreiben und Lehren den Menschen von der Deutlichkeit und eo ipso Gründlichkeit des Wissens und Verstehns, weil es ihm nicht die Zeit läßt, diese zu erlangen. Da muß er dann in seinem Vortrage die Lücken seines deutlichen Erkennens mit Worten und Phrasen ausfüllen. Dies ist es, was die meisten Bücher so unendlich langweilig macht, und nicht die Trockenheit des Gegenstandes. Denn wie behauptet wird, ein guter Koch könne sogar eine alte Schuhsohle genießbar herrichten, so kann ein guter Schriftsteller den trockensten Gegenstand unterhaltend machen."

Arthur Schopenhauer: Über Gelehrsamkeit und Gelehrte (Paralipomena).

Was macht gesund? Wettbewerb des BMBF für Studierende

Mit dem Wettberb für Studierende "Was macht gesund?" ist das Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) auf der Suche nach Projekten, die sich mit dem Thema Gesundheit beschäftigen. Mitmachen können alle Fachbereiche und Wissenschaftsdisziplinen von deutschen Hochschulen. Die 15 besten Ideen werden mit 10.000 Euro für die Umsetzung prämiert. Einreichungsschluss ist der 24. Februar 2011.
http://www.was-macht-gesund.de/

Lebenszeichen 2011: Kalender der bedrohten Völker

Vom "Westen" bedroht: Arhuacos in der Sierra Nevada, Kolumbien

Der im vergangenen Jahr verstorbene Anthropologe Claude Lévi-Strauss (1908 -2009) sah zuletzt sein Fach im „Verschwinden" begriffen. Das in der europäischen Eroberung und Kolonialisierung wurzelnde Vorhaben, „alle menschlichen Erfahrungen einzusammeln“, sei an ein Ende gekommen, da „keine der menschlichen Erfahrungen, von denen wir wissen können, von der westlichen Kontaminierung frei“ sei.

Tatsächlich scheint es, dass kaum noch ein Winkel des Planeten vor dem großen Vernichtungswerk des Westens, alles Andersartige sich einzuverleiben, verschont bleibt: Kaum ein Landstrich ohne Satellitenfernsehen, kaum noch ein Volk oder Menschengruppe, die unabhängig vom kapitalistischen (Welt-)Markt, für sich wirtschaften können.

Gewaltsame Landvertreibungen oder schleichende Umweltzerstörungen bedrohen genauso wie subtiler wirkende "Softpowers" der kulturellen Hegemonie ganz unterschiedliche Völker, die ihr Kulturgut gegen die "Kontaminierung" zu behaupten versuchen.

Für sie setzt sich hierzulande die Gesellschaft für bedrohte Völker ein, indem sie diesen ein Sprachrohr ist, Menschenrechtsverletzungen an kulturellen Minderheiten anklagt und ihnen Hilfestellung gibt.

Auch dieses Jahr gibt die Gesellschaft einen Kalender heraus, der die Öffentlichkeit informieren will und jeden Monat ein anderes Volk in seinem Behauptungskampf dokumentiert: 13 DinA3-Bögen stellen in Porträts und Momentaufnahmen so unterschiedliche Völker wie Inuits, Kayapó oder Saharauis vor, deren Schicksale uns kaum bekannt sind. 

Auf den Kalenderblatt-Rückseiten finden sich auführliche Informationen zu den Problemen, Erfolgen oder Rückschlägen im Ringen der Völker um ein selbstbestimmtes Leben. Ergänzt werden diese Berichte -  etwa über den Irokesenbund, Irakisch-Kurdistan, die Republik Tuva in Sibirien oder das Autonomiemodell Südtirol – durch Informationen über die jeweilige Menschenrechtslage. 

Wer im kommenden Jahr 2011 seinen kulturellen Horizont weiten und dies noch mit einem guten Zweck verbinden möchte, kann den Kalender auf der Homepage der Gesellschaft bestellen

 

Kaizen des Alltags

Bushaltestelle in Japan

Die Liebe der Japaner zum Detail und den Hang, Gegenstände und Technologien bis zur (Über-)Perfektion zu verbessern, ist in der westlichen Welt ebenso legendär wie gefürchtet. Von ihr kündet eine Bandbreite von Phänomenen, angefangen vom liebevoll gestalteten Blumengesteck über den Zen-Garten bis hin zum Design elektronischer Geräte. Jedoch hört die eifrige Suche nach der perfekten Lösung zur freudigen Überraschung des unbedarften Besuchers nicht an der Grenze des Exportierbaren und Bewundernswerten auf.

Zum Beispiel die Sache mit der Dusche: Wer hat sich nicht schon darüber geärgert, in einem Hotel (oder gar zuhause) Wassertemperatur und Wasserdruck nur abhängig von einander reguieren zu können. Wenn ich mich recht erinnere, ist dies in Europa vielerorts eine Aufgabe von der Komplexität einer Gleichung 4. Grades - und mitnichten immer lösbar. In Japan dagegen, selbst in einem ansonsten nicht sehr exklusiven Studentenwohnhein, macht man es sich unter der Dusche problemlos bequem: Einfach am Durchlauferhitzer die Temperatur des heißen Wassers eingestellt und dann mit einem dafür vorgesehenen Hebel an der Armatur das Wasser mit dem gewünschten Druck aus dem Duschkopf sprudeln lassen. Funktioniert auch nach Beimischung kälteren Wassers. Vor der lästigen Alternative, entweder unfreiwillig zu heiß zu duschen oder alle mitgebrachten Habseligkeiten mit einem schwer zu zähmenden Wasserstrahl alles im Umkreis zu durchnässen, steht hier niemand.

Oder nehmen Sie die Bushaltestelle auf dem obigen Foto. Angenommen, der Bus nähert sich auf der Straße rechts im Bild, was fällt ihnen auf? Richtig, das Wartehäuschen steht richtig herum. Nicht so, dass es die Wartenden vor dem unwahrscheinlichen Fall eines angreifenden Gartenschlauchs aus dem Vorgarten des Hauses hinter ihrem Rücken schützt.  Sondern so, dass Spritzwasser, Schlamm oder aufgewirbelter Dreck von der Straße möglichst abgehalten und so ein tatsächlich geschütztes Warten ermöglicht werden.

Beide Beispiele beinhalten wenig High-Tech und sicher keine nobelpreiswürdige Denkleistung. Aber wenn "wir" so etwas auch könnten, warum tun wir es dann nicht?

Konkurrenz belebt das (schmutzige) Geschäft

"In jeder Form des Wettbewerbs gibt es gezielte Regelverstöße, und ihre Wahrscheinlichkeit wächst mit der Intensität des Wettbewerbs ebenso wie mit dem Erfolgsdruck, unter dem sich Teilnehmer sehen. Unerträglicher Erfolgsdruck ist das Motiv, das beispielsweise William Summerlin, die zentrale Figur des ersten in den USA berühmt gewordenen neueren Fälschungsfalls, neben anderem anführte: "Immer wieder wurde ich aufgefordert, Versuchsdaten zu publizieren und Projektanträge … zu erstellen. Dann kam eine Zeit im Herbst 1973, als ich keine neue überraschende Entdeckung vorzuweisen hatte und mir Dr. Good brutal eröffnete, daß ich ein Versager sei … So stand ich unter extremem Produktionsdruck …".

Vor allem im amerikanischen System der Forschungsförderung, wo schon seit langem die Erfolgsquoten von Förderungsanträgen konsistent niedrig sind, muß die Motivation, durch regelwidriges Verhalten zum Erfolg zu kommen, hoch eingeschätzt werden. Unter vergleichbarem Druck sehen sich mittlerweile auch in Deutschland viele, vor allem junge, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.
Neben der Versuchung zum gezielten Regelverstoß kann Wettbewerbsdruck auch zu Nachlässigkeit und mangelnder Sorgfalt führen.

Ein Kernstück wissenschaftlicher Methode ist aber der systematische Zweifel an den eigenen Ergebnissen. Experimente sollten gerade dann – und möglichst unabhängig – wiederholt werden, wenn sie das erhoffte Ergebnis bringen. Erfolgsdruck und Eile, das Bestreben, schneller als die Konkurrenz zu publizieren, sind eine Quelle schlecht abgesicherter Resultate und kommen in der Praxis weit häufiger vor als Manipulationen und Fälschungen."


Aus den Empfehlungen der Kommission "Selbstkontrolle in der Wissenschaft".
Quelle: DFG.

Das habe ich nicht gebucht!

 

Japan ist eine Reise wert. Auch und gerade eine, bei der nicht nur touristische Sehenswürdigkeiten auf dem Programm stehen, sondern die auch einen Einblick in das tägliche Leben und das Tun von Menschen wie einem selbst ermöglicht!

Wirtschaftliche und technologische Motive für einen Besuch im Land der aufgehenden Sonne sind nur allzu offensichtlich: schließlich kamen von dort die PKWs, die gerade Deutschlands stolze Autobauer zeitweilig aus der Bahn kegelten. Dort lernten Roboter, sich wie Hunde und schließlich auch wie Hausdiener zu verhalten. Und die Züge fahren nicht nur schneller, sondern vor allem auch pünktlich ohne Wenn und Aber.

Das Erfolgsheimnis kann ein Besuch vor Ort zwar nicht endgültig erklären. Aber immerhin lässt sich aus Verantwortlichkeit für die jeweilige Aufgabe, Freundlichkeit und nicht zuletzt eine aufrichtige Liebe zum Detail ein Gefühl für das Entscheidende zusammenreimen.
Es gibt Automaten, die einem beim Vorbeikommen ein Heißgetränk anbieten, eine Stimme informiert über die Temperatur des Duschwassers, und im Stadtbus bezahlt man nur für genau die Distanz, für die man ihn auch wirklich benutzt hat.
Der öffentliche Raum ist sauber, die Menschen extrem hilfsbereit (wenn auch sehr zurückhaltend), und selbst ich als Frau denke nicht zweimal darüber nach, im Dunkeln mit Öffentlichen Verkehrsmitteln nach Hause zu fahren.

Bei genauerem Nachdenken allerdings liegt ein Schatten über diesem Gefühl absoluter Sicherheit. Denn Japan ist Erdbebengebiet, und mein derzeitiger Standort, die Shizuoka-Präfektur, wird eines der Hauptschadensgebiete sein, wenn es losgeht.
"Es", das ist das große Tokai-Erdbeben, benannt nach der Subduktionszone der philippinischen unter die eurasische Platte etwas südwestlich von Tokyo. Für die Dekade von 2000 bis 2010 errechneten Forscher eine Eintritts-wahrscheinlichkeit von 35 bis 45 Prozent.

Erdbeben-Evakuierungsübungen, die nun nach den Beben in Indonesien hier durchgeführt wurden (und auch sonst regelmäßig durchgeführt werden), rufen das Unvermeidliche ins Bewusstsein. Wenn alle Stricke reißen - und das ist wohl mehr eine Frage der Zeit - werden hier in der Gegend über 7000 Todesopfer und 20.000 Schwerverletzte zu beklagen sein. Das habe ich nicht gebucht ;-(
So lange es noch nicht soweit ist, erscheint es aber durchaus spannend, sich mit den praktischen Präventionsmaßnahmen und der Wissenschaft hinter den Voraussagen zu beschäftigen. Dabei ergibt sich nicht zuletzt eine natürliche Anwendungsmöglichkeit des Web 2.0. Ein unvermeidlicher Zynismus kommt hier zum Tragen: Wie schlimm die Beschädigungen durch ein Erdbeben (die sog. "seismic intensity") sind, können nur Menschen beurteilen, keine Messgeräte!

Besorgniserregend

Besorgniserregend findet Hans-Werner Rückert, Diplom-Psychologe und Leiter der Zentraleinrichtung Studienberatung und Psychologische Beratung der FU Berlin, eine aktuelle Erhebung zur psychischen Gesundheit von Kindern und Jugendlichen des Robert-Koch-Instituts. Fazit: Immer mehr junge Menschen werden aufgrund psychischer Erkrankungen behandelt - auch während ihrer Studienzeit.

Wegen mangelnder Verpflichtungen auf der einen, fehlender Strukturen und ausbleibender Unterstützung z.B. durch Professoren auf der anderen Seite kann gerade die "Lebensphase Studium" eine erhebliche Belastung für die Seele bedeuten, weiß Rückert. Zugenommen haben in den letzten Jahren neben Prüfungsängsten und Aufmerksamkeits-Defizit-Syndromen daher vor allem Depressionen, aber auch schwere Persönlichkeitsstörungen wie das Borderline-Syndrom. Rückert zufolge sind neben Zeitstress und Hektik (zu) hohe fachliche Anforderungen, die Ballung von Prüfungen, der fehlende Praxisbezug des Studiums und die unsicheren Berufsperspektiven der Bachelor-Abschlüsse dafür verantwortlich. Als belastend empfinden Studierende zudem die fehlenden gedanklichen Freiräume in verschulten Studiengängen, die auf "Employability" statt Persönlichkeitsbildung ausgerichtet sind.

Pikantes Detail: Durch die Einführung des neuen Studiensystems hat sich laut Rückert die Nachfrage in den Psychologischen Beratungsstellen der Hochschulen um ca. 20 Prozent erhöht! "Bologna" ist also nicht nur gescheitert, es macht zu allem Überfluss auch noch krank.

So soll es sein!

Konzentriertes Arbeiten in einem Seminar (Japan)
Seit einer guten Woche bin ich jetzt in Japan. Und es ist keine dieser Reisen, deren Ende ich herbeisehne und während derer ich mich dauernd des politisch inkorrekten Gedankens erwehren muss: "Die sollten das besser so machen wie bei uns." Im Gegenteil denke ich häufig: "Warum können wir es nicht so machen wie die Japaner?"

Zum Beispiel Reisen: Trotz Dutzender Gäste ist das Riesenhotel, in dem ich meine Nacht auf japanischem Boden verbringe, nicht laut. (Und es ist keinbesonders teures.) Vor dem Einsteigen in den Zug herrscht kein Gedränge, sondern man steht ruhig und gesittet an - getrennt in 2 Reihen für die Raucher- und Nichtraucherwagen. Im Zug dann: Stille. Die Handys sollen auf "lautlos" gestellt werden und man folgt diesem Hinweis offenbar. Gespräche finden statt, aber leise und kurz.

Die Klingel meines Fahrrads habe ich trotz enger Radwege noch kein einziges Mal benutzt. Und auch in Geschäften - wo es häufig so voll ist wie bei uns nur an den Samstagen vor Weihnachten, gibt es keine Rempler, kein Kindergeschrei (aber Kinder!) und schon gar kein Vordrängeln an der Kasse. Selbst Fehleingaben in die Kasse zu meinen Ungunsten werden aus freien Stücken korrigiert!

Auf den Unialltag übertragen bedeutet dies, dass ich mir mit 3 anderen Doktoranden das Büro teilen kann, ohne je aus der Konzentration gerissen zu werden. Auf unserem Gang arbeiten rund 25 Personen - gern auch spätabends und am Wochenende. Das gilt nicht nur für Professoren und Doktoranden, sondern auch für die Studierenden.

Bachelor und Master verfügen je über einen Arbeitsraum am Lehrstuhl "ihres" Profs - und machen davon offenbar regen Gebrauch. Wie eifrig die tatsächliche Zusammenarbeit ist, kann ich nicht beurteilen. Aber man stört sich zumindest nicht und schafft füreinander eine motivierende Atmosphäre. Wenn wir das doch auch so machen würden!

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