sciencegarden Blog

Nida-Rümelin über Philosophie in Deutschland

In seinem Beitrag "Philosophie ohne Sinn" vom 16. Januar kritisiert Patrick Spät in sciencegarden, dass der akademischen Philosophie in Deutschland durch den Bologna-Prozess systematisch das für ihr Selbstverständnis konstitutive Staunen ausgetrieben werde.

In der SZ legt nun der im Januar neu gewählte Präsident der Deutschen Gesellschaft für Philosophie, Julian Nida-Rümelin, seine Sicht der Dinge dar. Zwar habe die Philosophie ihren Status als Königsdisziplin schon längst verloren, räumt Nida-Rümelin ein, sei aber gesellschaftlich immer noch hoch angesehen und als Orientierungsinstanz gefragt. Bedenklich stimme hingegen, dass das Fach in Deutschland - das in den letzten 300 Jahren "nahezu die Hälfte der relevanten philosophischen Literatur beigesteuert hat" - an den Schulen ein Mauerblümchendasein friste.

Der Ex-Kulturstaatsminister verweist im Interview auch auf die besonderen Schwierigkeiten, denen die Philosophie im Exzellenz-Wettbewerb mit anderen Wissenschaften ausgesetzt ist. So gilt unter graduierten Denkern das Buch immer noch als publizistische Krönung, offizielle Rankings zählen jedoch nur - meist englischsprachige - Artikel. Hier ist Änderungsbedarf dringend angezeigt.

Tetris für Amerikophile

Ich kenne niemanden, der keine Meinung zu Amerika hat, aber einige Leute, die nicht wissen, wer Mecklenburg-Vorpommern regiert. Und keinen einzigen Menschen, der alle Bundesstaaten der USA aufsagen und auf der Landkarte zuordnen könnte.

Damit ist jetzt Schluss. Dank State-Tetris, einer Variante des elektronischen Spieleklassikers, kann man sich dem Land der Sehnsüchte und Hoffnungen, der Wirtschaftskrise und des Waterboardings auf vergnügliche Weise (und in drei Schwierigkeitsstufen) nähern, indem man alle 50 Bundesstaaten korrekt in die Umrisse der nordamerikanischen Landesgrenzen einfügt.

Wir Klimaretter

Den Aktionskünstler Hermann Josef Hack, aber auch andere schräge Vögel, findet man als Kolumnisten des Magazins Wir Klimaretter. Gegründet von zwei Fachjournalisten (ZEIT, taz), versorgt das Portal ihre Leser mit Informationen zum Thema Klimawandel. Die Energiesparlampe wird den Klimawandel nicht aufhalten, aber was sonst? Hermann Josef Hack provozierte in einer Kunstaktion: "Only Art Will Stop Climate Change". Weitere Debatten, Tipps & Tricks, sogar einen "Beichtstuhl" finden sich im Magazin.

Wer sich's leisten kann

Wen das Gerede von der "Neuen Bürgerlichkeit" ebenso befremdet wie den Berliner Soziologen Hans-Peter Müller, wird sich über dessen Ausführungen in der Januar-Ausgabe des Merkur freuen. Dort fragt Müller, warum die Rede von einer (neuen) Bürgerlichkeit grassiert, wo doch "die gegenwärtige gesellschaftliche Verfassung weit entfernt von einer bürgerlichen Gesellschaft klassischen Zuschnitts ist und Vorstellungen vom Bürgertum eine Sozialformation umreißen, die lange schon der Vergangenheit angehört." Dass Anspruch und Wirklichkeit meilenweit auseinanderklaffen, legt der Soziologe in seinem Essay ebenso dar, wie er den Nieder- und Untergang des Bürgertums historisch umreißt. Müller stellt fest, dass "vor dem Hintergrund der Gesundung von Unternehmen und Staat auf dem Rücken der Bürger [...] den Betroffenen die Rede von »neuer Bürgerlichkeit« als angesonnenes Wert-, Stil- und Habitussyndrom wie purer Zynismus vorkommen" muss. Und weiter: "Sie ist ein Synonym für zu geringe Löhne und Einkommen, zu geringe private Kaufkraft und nur schwache private Vorsorgefähigkeit, höhere Kosten für Lebenshaltung, höhere Abgaben und Steuern und trotz veritabler Wirtschaftskonjunktur und einem Rekordsteueraufkommen für den Staat kein Hoffnungsschimmer am Horizont. Das Resultat ist Verunsicherung, massive Statusangst bis weit in die Mittelschicht und geringe Zuversicht."
Müllers Worte tun gut in Zeiten, in denen diese Mittelschicht auch in Europa ökonomisch, sozial und kulturell zerstört wird. Sein Fazit ist allerorten nachzuvollziehen: Viele Bürger würden gern dem neuen Narrativ der Bürgerlichkeit folgen, allein es fehlen ihnen die Mittel dazu."

Sternegucken für Anfänger

Der Winter ist zurück in Deutschland und mit ihm die kalten, klaren Nächte. Wen es trotz Minusgraden vor die Tür oder für eine Cigarette auf den Balkon zieht, kann sich mit Sternegucken vom Frieren abhalten - und dabei etwas lernen. Denn während die Stadt schläft, zeigt der Himmel erst sein wahres Gesicht. Übersäht mit zahllosen "massereichen, selbstleuchtenden Gaskugeln - vulgo: Sternen - und einer Hand voll mehr oder weniger gut sichtbarer Planeten, bietet er ein immer wieder aufs Neue atemberaubendes Gratis-Schauspiel, zu dessen bekanntesten Akteuren die Sternbilder "Casiopeia", "Orion" und "Der große Wagen" zählen.

Wer wissen will, wo sie am Firmament zu sehen sind oder wie man mit Hilfe des Polarsterns herauskriegt, wo Norden ist, kann sich hier spielerisch in 15 Minuten am Bildschirm fit machen und anschließend im Freien trainieren. Spätestens zur ersten lauwarmen Frühlingsnacht hat man dann auch das nötige romantische Herrschaftswissen für den Beziehungsanbahnungsabend drauf.

Operation Walküre

Brian Singer ist ein guter Filmemacher, und seine "Operation Walküre" ist gelungen. Der Film wird bis in die Hinterwelten das Wissen verbreiten, dass die Deutschen ein Volk von Hitler-Anhängern waren. Aber aus diesem Volk heraus wurden allein 15 nachgewiesene Attentate auf den Diktator verübt; und auch wenn sie misslangen, es gab ethisch motivierten Widerstand, von ganz unterschiedlichen Weltanschauungen motiviert. Und das wissen außerhalb von Deutschland nicht viele. Peter Hoffmann, der beste Kenner und Biograph von Stauffenbergs, hat sich positiv über den Film geäußert, Fakten werden also nicht "verzerrt". Der Film vermittelt durchaus Wissen, ist dabei aber zugleich enorm spannend. Den Unterschied zwischen Kognition und Emotion macht er überdeutlich: Jeder weiß, wie es ausgeht, am Ende des Films ist der Zuschauer aber doch bestürzt: Es war so knapp! Es hat so wenig gefehlt! Tom Cruise, so umstritten er sein mag, sieht von Stauffenberg nicht nur sehr ähnlich. Er fällt in Singers Film auch nicht durch over-acting auf. Er bleibt in seiner Rolle -- wie das historische Vorbild -- angenehm undurchsichtig. Auf Hoffmanns Biographien über Graf von Stauffenberg macht der Film neugierig, jetzt will man es genauer Wissen: ob aus der 700 Seiten Vollversion oder der 100-seitigen zum Einstieg.

Erst unterrichten, dann Karriere machen

Was in den USA bereits eine Erfolgsgeschichte ist, soll nun auch in Deutschland Früchte tragen. Die Rede ist nicht vom größten Konjunkturpaket aller Zeiten, das der neu gewählte amerikanische Präsident in atemberaubender Geschwindigkeit soeben geschnürt hat. Gemeint ist ein Programm, in dem hochqualifizierte Uni-Absolventen zwei Jahre lang Karriereaskese üben und als Hilfslehrer an so genannten Brennpunktschulen unterrichten. Dort, wo Kinder nicht nur von einem schlechten Startplatz aus ins Klassenzimmer strömen, sondern auch kaum Aussicht auf gesellschaftliche Anerkennung und Beschäftigung haben, von Bildung ganz zu schweigen.

"Teach First Deutschland" nennt sich die von namhaften Firmen und Institutionen geförderte Initiative, die diese düsteren Perspektiven von zwei Seiten aus aufbrechen will: Indem sie benachteiligte SchülerInnen durch zusätzliche Spitzenlehrkräfte motiviert (was in den Mutterländern der Idee, den USA und England, nachweislich gelingt), aber vor allem, indem sie die Elite-Praktikanten, die nach zwei Jahren auf Posten in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik wechseln, durch ihren Einsatz für die bildungspolitischen Belange der SchülerInnen sensibilisiert.

Wer sich jetzt für diesen lehrreichen Umweg entscheiden und bei Teach First bewerben will, findet auf der übersichtlichen Webseite ausführliche Informationen.

Die Frage aller Fragen

Überholte Technik dominiert die Szene so sehr, dass sie dem Kinobesucher fast psychedelisch entrückt erscheint: Während in der Fernschreibzentrale junge Fauen in emsigem Stakkato auf ihre Schreibmaschinen einhacken, meint der Beobachter mit heutigem Kenntnisstand, dass sich im Hintergrund ein unheilvolles Geschehen wie bleierner Nebel dem Angesicht der Erde nähert. Haftbefehle gegen Stauffenberg und Goebbels - welcher soll weitergegeben werden? Der diensthabende Offizier kommt nur kurz ins Grübeln - natürlich beide.

Diese Art, den Showdown zwischen Widerständlern und dem Führerhauptquartier zu inszenieren, ist typisch für "Operation Walküre". Regisseur Bryan Singer gelingt es, die Entschlossenheit von Stauffenberg und die Bedeutung des Geschehens zu transportieren, ohne dabei die kleinen Stolpersteine und den Faktor Zufall aus den Augen zu verlieren. Die Dramaturgie des Films ist dabei preußisch-genau mit der motivischen Dichte und Verschlungenheit einer Wagner-Oper: Auch der unbedarfte Zuschauer ahnt, dass der Spiel-Schwertkampf von Stauffenbergs Kindern zu den schmetternden Klängen des "Walkürenritts" mehr beinhaltet als die zündende Idee, wie das Attentat samt politischer Machtübernahme zu bewältigen sei. Gleichzeitig erinnern die Texte, in denen beispielsweise Hitler sagt, er wünsche "es gäbe mehr Männer wie [Stauffenberg]" in ihrer ahnungsvollen Doppeldeutigkeit fast schon an Shakespeare.

Sein Momentum gewinnt der Thriller mit ernstem Hintergrund denn auch nicht aus dem eigentlichen Geschehen, dessen Ausgang ja bekannt ist. Vielmehr wirkt er durch das ständig sichtbare Ringen zwischen der stringenten Ausführung eines militärischen Plans auf der einen und Zufall und menschlichem Zweifel auf der anderen Seite. Von diesem Zaudern werden alle Dienstränge gleichermaßen erfasst: Hier bekommt General Olbricht plötzlich (und zurecht) Angst vor der Linientreue seines Vorgesetzten Fromm, dort wollen Stabsunteroffiziere "in jedem Fall auf der richtigen Seite" stehen. Indem er das Innere seiner Protagonisten auf die Bühne zerrt, antwortet der Regisseur auf die zweitwichtigste Frage zu "Operation Walküre": Nein, das deutsche Volk erhält durch diesen Film keine völlig weiße Weste!

Darüber bringt der Film aber auch eine der zentralen Fragen der Historiker ins Bewusstsein: Im Gegensatz zu "Der Untergang" legt "Operation Walküre" ein vorzeitges Ende des Hitler-Regimes nämlich als durchaus möglichen Pfad der Geschichte nahe. Und im Anschluss daran die Überlegung: Wie wichtig ist die Person Adolf Hitler für das Deutschland der Jahre 1933-1945?

Europa ohne Bürger

Am 10. und 11. Februar wird sich hierzulande das Bundesverfassungsgericht mit dem sogenannten Reformvertrag von Lissabon auseinandersetzen, der einen europäischen Quasistaat begründen wird, mit einer Verfassung, "wie man sie vielleicht in der Mitte des 19. Jahrhunderts notfalls gerade noch für eine kurze Übergangszeit in Kauf genommen hätte" (Burkhard Hirsch). Nach dem skandalösen Ausbleiben einer seriösen Debatte - sowohl in der Öffentlichkeit als auch in den Parlamenten - bleibt die Judikative die letzte Bastion, die uns vor einer solchen Verfassung vielleicht noch retten kann.

Während die Eliten in Politik, Wirtschaft und Bürokratie den Integrationsprozess Europas auf zunehmend chauvinistische Weise als Erfolgsgeschichte propagieren, kann der Bürger nicht einmal mehr über sein wesentlichstes politisches Gut bestimmen: seine verfassungsrechtlich verbürgte Souveränität. Der Soziologe Max Haller (Universität Graz) hat untersucht, wie diese Kluft entstanden ist und welche Interessen die Eliten mit der Integration verfolgen. In seinem neuesten Buch "European Integration as an Elite Process - The Failure of a Dream?" entwickelt Haller auch Vorschläge, wie die EU demokratischer gestaltet werden könnte. Dies und mehr wird der Soziologe am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung mit den Politologen Prof. Michael Zürn und Dr. Miriam Hartlapp diskutieren.

"Europa ohne Bürger. Die EU-Integration als Projekt der Eliten", Max Haller (Universität Graz) im Gespräch mit Michael Zürn und Miriam Hartlapp (beide WZB), Wissenschaftszentrum Berlin, 27.01.2009, 17 bis 19 Uhr.  Anmeldung erbeten bis zum 22. Januar 2009. Marie Unger: marie.unger@wzb.eu, Fax: 030-25491-680. Weitere Informationen: http://www.wzb.eu

Ali Baba vor verschlossener Tür

"Sesam, öffne" dich -- mit so einer einfachen Zauberformel öffnet Ali Baba die Schatzkammer. Aber die Zeiten sind vorbei: Um sich selbst von der gescheiterten BA-Reform abzulenken, erfinden die deutschen Hochschulen neue Ärgernisse. Dozenten und Professoren, die gar nicht erst in ihre Büros oder Seminarräume kommen, können auch keine Kritik üben.

Viele Hochschulen führen zur Zeit so genannte "Transponder"-Schließsysteme ein, der alte Schlüssel ist passé: eine perfekte mechanische Technik, die nicht verbesserungsfähig ist, kann man schließlich nur noch abschaffen. An die Stelle des Schlüssels tritt ein elektronisches Ding mit einem Knopf. Das wird zentral programmiert, die Büronummer und die Seminarräume, in denen man unterrichtet, werden gespeichert: jedes Semester neu. Es gibt keine Türklinken mehr, sondern ohne das elektronische Ding -- ähnlich wie in unsympathischen Hotels -- kommt man weder rein noch raus. Man muss kein Soziologe sein, um zu ahnen, was daraus in der Praxis der Massenuni werden wird: Wie soll man noch einen Raum tauschen, wenn das eine Seminar klein, das eines Kollegen aber groß ist? Wie kommen studentische Hilfskräfte und Projektmitarbeiter in die Räume? Sind die Besprechungsräume noch zugänglich? Was passiert, wenn die Batterie des "Transponders" leer ist? Dann fällt das Seminar, die Sprechstunde, einfach alles aus!

Einen Pförtner, oft die letzte Insel des gesunden Menschenverstandes an der Uni, wird es nicht mehr geben. Weil die ja typischer Weise die Schlüssel herausgaben. Ein Kollege erzählte mir, wie die Neuprogrammierung vor sich geht: Es geht ein Antrag an den Dekan, der segnet ihn ab und sendet ihn an einen Mitarbeiter der Verwaltung, der schickt eine entsprechende Anweisung an den Hausmeister, der hat einen Mitarbeiter, um den Transponder neu zu programmieren. Dies muss für alle Mitarbeiter der Hochschule erledigt werden. Wie viel Zeit wird dieser Verwaltungsweg benötigen? Wie ruhig hingen die einfachen Schlüssel in einem Schrank? Eigentlich will man nur in sein Büro. Oder in einen Seminarraum, vor dem eine Gruppe Studierender wartet. Wir freuen uns auf diese Zukunft. Ich werde verzweifelt vor meinem eigenen Büro stehen und rufen: "Sesam, öffne dich". 

Die langsame Erosion Bolognas

Die zur Lernfabrik verkommene deutsche Universität produziert unter Lehrenden und Studierenden mehr Frust als Abschlüsse, nur Widerstand regt sich in bemerkenswerter Weise kaum. Ist es die Angst, nach dem Juniorprofessor nicht weiter beschäftigt zu werden? Die Studierenden haben wahrscheinlich aufgrund ihrer überfrachteten Stundenpläne weder Zeit zu protestieren, noch über die misslichen Zustände ihres Daseins nachzudenken. Denn: Die nächste Prüfung ist schon übermorgen.Da bleibt einem nur der Weg in die innere Emigration oder man versucht sein Glück außerhalb Deutschlands - vielleicht traut man dort Studenten intelligentere Dinge zu, als nur Stundenpläne zu organisieren und vorgefertigte Lehrinhalte auswendig zu lernen. Einen mutigen Schritt tat in diesen Tagen der Mainzer Theologieprofessor Marius Reiser: Er hat sein Demissionsschreiben beim rheinland-pfälzischen Wissenschaftsministerium eingereicht. Seine vielfältigen Beweggründe, die sich stets auf den hier bereits mehrfach kritisierten Bologna-Prozess beziehen, legt er in einem Schreiben an seine Universität und das rheinland-pfälzische Wissenschaftsministerium dar, das in der FAZ nachzulesen ist. Mit dem Demissionsgesuch zieht er die Konsequenzen aus der Berufsverschulung der Universität.

Der Große Frost

"Der Große Frost war, so erzählen uns die Historiker, der strengste, der diese Inseln je heimsuchte. Vögel erfroren mitten in der Luft und stürzten wie Steine auf die Erde. Zu Norwich wollte eine junge Bauersfrau in ihrer üblichen robusten Gesundheit die Straße überqueren und ward von Zuschauern gesehen, wie sie sich vor aller Augen in Pulver verwandelte und als ein Staubgewölk über die Dächer verwehte, als der eisige Sturm sie an der Straßenecke traf. Die Sterblichkeit unter Schafen und Rindern war enorm. Leichen froren ein und konnten nicht von den Laken gezogen werden. Es war kein ungewöhnlicher Anblick, auf eine ganze Herde von Schweinen zu stoßen, die unbeweglich auf der Straße angefroren waren. Die Felder waren voll von Schafhirten, Pflügern, Pferdegespannen und kleinen, Vögel scheuchenden Jungen, alle erstarrt in dem, was sie gerade getan hatten, der eine mit der Hand an der Nase, ein anderer mit der Flasche an den Lippen, ein dritter mit einem Stein, den er erhoben hatte, um ihn nach einem Raben zu werfen, der wie ausgestopft kaum einen Meter von ihm entfernt auf der Hecke saß. Die Strenge des Frostes war so außerordentlich, dass manchmal eine Art Versteinerung erfolgte; und es wurde allgemein angenommen, dass der große Zuwachs an Steinen in einige Teilen Derbyshires nicht auf einen Vulkanausbruch zurückzuführen war, denn es gab keinen, sondern auf die Verfestigung unglückseliger Fahrensleute, die im wahrsten Sinne des Wortes dort, wo sie gingen und standen, zu Stein geworden waren."

Virginia Woolf: Orlando. Eine Biographie. S. Fischer, Frankfurt/Main 1990, S. 25 f. (Zuerst 1928).  

Buddenbrooks als Dallmayr Prodomo

Die großbürgerliche Welt von Thomas Manns "Buddenbrooks" ist uns heute so fremd wie ein vor Jahrzehnten dahingeschiedener Anverwandter. Dagegen sind auch die hilflosen Reanimationsversuche der Leiche, wie sie seit einigen Jahren unter dem Stichwort "Neue Bürgerlichkeit" betrieben werden, machtlos: Den ganzen Lebensumständen und damit auch den Sorgen, dem Empfinden dieser Zeit sind wir heute weit entrückt.

Die Frage, ob es sich also bei den "Buddenbrooks" um einen verstaubten Schinken handelt, den man besser in Großmutters Regal lässt, ginge dennoch fehl: Denn immerhin bringt er uns dem Verständnis dieser verlorenen Welt näher. Sehr viel mehr aber auch nicht, auch wenn das zu behaupten nach der hundertjährigen Kanonisierung des Romans ein Sakrileg ist.

Durchaus hätte man aber dem Stoff mehr abgewinnen können als seine neueste Verfilmung, die heute in die Kinos kommt. Die "Buddenbrooks" hätten weitaus Besseres verdient, als vom Regisseur Heinrich Breloer auf das Schamloseste in weichgezeichneten Schnulzen-Szenen, die auch für Dallmayr Prodomo hätten werben können, verwurstet zu werden.
Zahlreiche Romangestalten fehlen gänzlich, die Verbliebenen verkommen im Film zu menschlichen Abziehbildern, im schlimmsten Fall zu lächerlichen Karrikaturen. Überhaupt stampft Breloer die feine Ironie Manns mit dem Presslufthammer platten Humors ein oder gibt sich gleich völlig humorlos. Ebenso werden die zentralen Dialoge des Romans oft auf Plattitüden eingedampft, einige blödsinnige Änderungen geben dem Romanstoff den Rest.

Der mit 16 Millionen Euro teuerste deutsche Film ist an aufwendigen Kostümen und Kulissen reich staffiert, geht aber an inhaltlicher Leere zugrunde. Ungewollt hat Breloer damit der "Neuen Bürgerlichkeit" ein passendes Denkmal gesetzt: Nach außen hin schillernd, nach innen hohl.

Pendeln auf Kosten der Umwelt

In der Zeitschrift für Umweltrecht kommentiert der Leiter des Department Umwelt- und Planungsrecht am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung - UFZ in Leipzig, Wolfgang Köck, das Urteil des Bundesverfassungsgerichts zur Pendlerpauschale:

"Wer das Karlsruher Urteil durch die Brille seiner Umweltauswirkungen sieht, kommt nicht umhin, festzustellen, dass der 9. Dezember 2008 kein guter Tag für den Umweltschutz gewesen ist. [...] Denn wer erst vom 21. Kilometer an Fahrtaufwendungen wie Werbungskosten ansetzen darf [...], muss sich überlegen, ob es sich weiterhin lohnt, in die sog. "Speckgürtel" der Städte zu ziehen und damit die Zersiedelung voranzutreiben. Wie Heuschrecken haben sich die Neusiedlungen am Stadtrand immer weiter in die Landschaft gefressen. Für viele Städte bedeuten diese "Speckgürtel", dass die innerstädtische Infrastruktur der umweltbezogenen Daseinsvorsorge zunehmend nicht mehr ausgelastet wird, dass teure Infrastrukturen nach außen gebaut werden müssen, dass Verkehre ansteigen, dass die Häuser an den Einfallstraßen in die Städte wegen zunehmender Umweltbelastungen gemieden werden und dass eine Politik der kompakten Stadt, die sich um Revitalisierung ihrer Brachen bemüht, auf der Stelle tritt, weil diese Flächen nicht zuletzt auch wegen der Subventionierung der Fahrtwege ökonomisch nicht mit dem Außenbereich konkurrieren können."

Der ganze Kommentar ist auch hier zu lesen. 

Finanzkonglomeraterichtlinieumsetzungsgesetz

"Denk' ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen..."

So bitter sich einst der Exildichter Heine in seinen Pariser "Nachtgedanken" nach dem Vaterland sehnte, so düster klingen seine Verse heute nach, wenn uns die Bilder der jüngeren deutschen Geschichte vor Augen treten. Ach ja, die Deutschen! "Für die Weltgeschichte habt ihr genug getan", seufzte schon Churchill. Dazu noch die eklatante Humorlosigkeit, das fette Essen, die preußische Akkuratesse...

Aber wie steht es heute wirklich um unser Ansehen in der Welt? Was denken die anderen von uns - und was können wir dadurch über uns selbst lernen? Fragen, auf die ein glanzvoll geschriebener und reichlich illustrierter Band aus dem Bucher-Verlag auf das Unterhaltsamste zu antworten weiß: "Piefke, Krauts und andere Deutsche. Was die Welt von uns hält", 187 Seiten, 140 Abbildungen, 24,95 Euro und hochgradig geschenktauglich.

Dem Bamberger Autorenpaar Andrea und Martin Schöb, die hauptberuflich unter anderem eine Text- und Übersetzungsagentur betreiben, gelingt in ihrem Buch, was man heute nur noch selten findet: Die Verbindung von profundem Wissen und subtilem Humor mit verblüffenden Details, die pars pro toto das Große im Kleinen erhellen. Kein einziges der zehn Kapitel - über deutsche Ordnung, deutschen Humor, deutsches Essen und deutsche Kultur... - hat einen Hänger, die feine, lebendige Sprache beglückt den Leser permanent und die Überleitungen am Ende jedes Kapitels machen es schwer, den Band nicht in einem Stück zu lesen, und das obwohl "die Deutschen" ja bekanntlich zu monströsen Bandwurmwörtern (siehe Überschrift) und ominösen Rechtschreibreformen neigen.

Am Ende des Buches weiß man nicht nur, wie viele Brathähnchen während des Oktoberfests verschlungen werden (und - typisch deutsch? - wie viel Müll auf der Wies'n anfällt) oder dass es überall auf der Welt Gartenzwegbefreiungsarmeen gibt. Sondern vor allem, dass unser Land von außen oft differenzierter und freundlicher wahrgenommen wird, als wir selbst das für gewöhnlich tun. Ob Heine deshalb heute besser schlafen würde, steht zwar auf einem anderen Blatt. Die Tränen aber müssten ihm nicht mehr fließen.

Piefkes, Krauts und andere Deutsche

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