Thomas Manns Tagebücher lesen (Nr. 6)
25. Juli 2010 - 16:02 – Frank Berzbach |
Basel, Donnerstag den 4.V. (1933)
"Die Hauptsache ist, dass ich irgendwo zur Ruhe komme, auspacke, mich installiere und gleichmäßige Arbeitstage habe, eine förderliche Lebensordnung."
Thomas Mann: Tagebuch 1933-1934. S.Fischer, Frankfurt/Main 1977
Wie kommt es eigentlich, dass in nur 80 Jahren genau das Gegenteil vielen als "förderliche Lebensordnung" erscheint? Lieber einpacken und aufbrechen; keinen Ballast ansammeln und bloß keinen langweilenden Rhythmus der Arbeitstage haben -- so das Mantra globalisierter Arbeit. Die neuen Medien, vom TV bis zum iPad sind erfunden, damit dem Mensch nicht in der Risikozone seelischer Ruhe landet, die untragbare Bedrohungen postmoderner Identität bereit halten: Stille, Alleinsein, Konzentration, Präsens und Achtsamkeit, sich spüren und einen Gedanken zu Ende denken.
Zur Ruhe kommen, das bezieht sich bei Thomas Mann auch auf einen Alltag, der ihn befreit von allerlei Sklavenarbeit. Sein Werk entsteht, weil er nicht die Betten machen, Getränkekästen schleppen, seine Kinder hüten und die Küche putzen muss. In der emanzipierten Welt ohne Hausangestellte ist das allerdings unmöglich. Wir hätten sogar Skrupel; uns bedienen lassen erscheint als moralisches Vergehen.
Welcher Schriftsteller heute könnte sich im eigenen Haus wohl fühlen, wenn Vollpension herrschte? (Martin Mosebach natürlich ausgenommen.) Es ist ein Fortschritt, dass die gesellschaftliche Gleichheit zugenommen hat (auch wenn sie rapide wieder abnimmt). Aber aus der egoistischen Perspektive der Geistesarbeit & der Kunst, sogar die Moral außer acht gelassen: Welchen Vorteil hat es für ein Lebenswerk, wenn wir unsere eigenen Zimmermädchen und Küchenjungen sind, wenn Männer und Frauen Kinder vollzeitlich selbst umsorgen und bespielen, wenn in einer nicht-bürgerlichen Gegenwart die (klein)bürgerlichen Ordnungsvorstellungen weiter gelten? Wir sind ordentlich und reinlich bis zur Neurose, alle Zumutungen männlicher und weiblicher Drehbücher gelten für beide Geschlechter; wir lieben den Altbau, müssen aber viele viele Stunden in die Hausarbeit investieren, damit das Heim aussieht wie in "Schöner Wohnen".
Die Literaturproduktion bleibt also eine unbürgerliche Veranstaltung. Eine ihr förderliche Lebensordnung wird durch Gesetze der Erwerbsarbeit gestört. Und heute zudem noch von Hausarbeit und do-it-yourself-Ideologie. Thomas Mann hatte das seltene Glück, sogar im Exil die produktiven Arbeitsbedingungen wieder zu gewinnen. Wir müssen heute nicht ins Exil, die "förderliche Lebensordnung" ist, finanziell wie ideologisch, generell zerstört.
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