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CoverbildKaum ein Thema wurde in jeder Zeit so ätzend kritisiert wie das Christentum - und kaum eines so kompromisslos verteidigt. In dieser Debatte nimmt Christian Nürnbergers populäres Sachbuch „Jesus für Zweifler“ schon deshalb eine Sonderstellung ein, weil er weder einen plumpen Verriss der „Idee Gott“ liefert, noch lammfromm die intellektuellen Verrenkungen theologischer Berufs-Apologeten nachvollzieht.

Stattdessen erzählt Nürnberger spannend und kenntnisreich die Geschichte der jüdisch-christlichen Ethik, von der Knechtschaft Israels in Ägypten über die Lebenszeit des historischen Jesus bis in unsere Zeit. Unverhohlen spricht er die Widersprüche der Bibel an, beispielsweise die zwei miteinander unvereinbaren Schöpfungsberichte oder die 6 verschiedenen Versionen der „Speisung der 5000“. Ohne mit der Wimper zu zucken, referiert der Autor, der einst als „Zweifler“ das Theologiestudium abbrach, die Wende evangelischer Theologen in Deutschland zum „areligiösen Christentum“ (D. Sölle), eines aller Mythen und farbig geschilderter Geschichten entblößten Glaubens. Wenn er dann noch die Predigten, die viele Pfarrer mit luftigen Assoziation um die ihrer Heiligkeit entledigten Bibelgeschichten herumspinnen, süffisant als „Gerede“ und „Krampf“ bezeichnet, ist der Punkt erreicht, an dem jedem Vertreter der „Christentum-ist-Quatsch“-Fraktion das Herz aufgehen müsste.

Das klassische Atheisten-Argument jedoch, die Frage nach Gott erledige sich automatisch mit dem Fortschreiten wissenschaftlicher Erkenntnis, wischt er angesichts der humanen Katastrophen des 20. Jahrhunderts fast beiläufig vom Tisch. Indem dies in einem Schwung mit der Kritik an christlichen und islamischen Fundamentalisten auf der einen und naiven Horoskop- und Abergläubigen auf der anderen Seite geschieht, kommt Nürnberger an diesem Punkt der Freilegung des erhaltenswerten Kerns jüdisch-christlichen Denkens bereits sehr nahe, ein Kern, der sich im Verlauf der Darstellung als einzigartiger innerer Zusammenhang zwischen dem monotheistischen Glauben an einen das Menschliche weit übersteigenden Gott, individueller Emanzipation und einer auf Gleichheit gründenden Gesellschaft.

Den gedanklichen Weg zu dieser Position schmückt Nürnberger mit erhellenden Schilderungen der Entstehungsgeschichte der Bibel. Dabei wechselt er stilistisch zwischen gut verständlichem Sachbuch und persönlichem Zeugnis seines aufgeklärten Unglaubens. Die Breite seiner Kenntnisse und sein wahres erzählerisches Geschick flammen jedoch in den Passagen am meisten auf, die die Widersprüche unserer Zeit zwischen dem Vertrauen in eine hoch entwickelte (und im Prinzip nachvollziehbare) Technik und dem (jedes Nachdenkens baren) naiven Kinderglauben auch der Christen in Deutschland aufzeigen.

Am Rande seiner vielschichtigen Argumentation beachtet Nürnberger auch solche Details wie die (sicherlich diskutable) Rolle von Dorfkirchen als „Kulturträger“, in denen Kinder „Texte von hoher sprachlicher Qualität“ lernen können. Wie differenziert sein Bild des Christentums jedoch auch in lebenspraktischen Fragen ist, zeigt nicht zuletzt die Unterscheidung zwischen christlicher Gemeinde („Die Sozialordnung Gottes“) und der Amtskirche, die der Autor ironisch als „Vereine zur Pflege religiösen Kulturguts“ betitelt.

Nürnbergers Buch ragt mit seiner Differenziertheit aus der Masse der Partei ergreifenden Religions-Sachbücher heraus. Unabhängig vom persönlichen Weltbild gilt deshalb schon wegen der vielschichtigen Bezüge zu gesellschaftlichen und weltpolitischen Debatten: unbedingt lesen!


Christian Nürnberger (2007): Jesus für Zweifler, Gütersloh.

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