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Hacker•Thriller•Action? - Groß!

"Who am I" wurde allerorten als Hackerfilm angekündigt. Doch die Kategorie, die manchem vom Gang ins Kino abgehalten hat, wir dem wirklich starken Streifen in keinster Weise gerecht. Er ist eine klassische Tragödie, in der es um Anerkennung, Liebe, Freundschaft und Verrat geht. Benjamin (Tom Schilling), die Hauptfigur, ist ein Genie im Cyberspace - und in jeder anderen Hinsicht ein Niemand. Als Teil einer Hacker-Bande schafft er es, in die BND-Systeme einzudringen. Als der Hack aber mit einem Mord in Zusammenhang gebracht wird, kommt er, statt Ruhm zu ernten, in Lebensgefahr. Und alle Versuche, durch immer kühnere Hacks dem Gegner zu entkommen, scheitern. Als er seine Bandenkollegen tot auffindet, klammer er sich an die Hoffnung, ist das Zeugenschutzprogramm der letzte Strohhalm, an den der zurückhaltende junge Mann sich klammert. Oder ist seine ganze Geschichte nur Kopfkino?
Neben actionhaften Episoden bietet "Who am I" viele überraschende Wenden auf, was den Streifen zu spannender Unterhaltung macht. Doch auch den Tempowechsel und die leisen Töne beherrscht Regisseur Baran bo Odar perfekt, so dass es nicht bei einem für die Zuschauer bedeutungslosen Ausflug in eine fremde Welt bleibt. Diese fremde Welt allerdings stellt bo Odar meisterlich in fast allegorischer Weise dar: das Hacker-Netz als New Yorker U-Bahn, verschlüsselte Passwörter in unbeschrifteten Briefumschlägen und Chats in bedrohlichen Computerstimmen. Einen Oskar wird der Film wohl nicht erhalten - aber hoffentlich einen Trend setzen in Richtung deutsches Kino, das ohne die typischen historischen Stoffe auskommt. Unbedingte Empfehlung!

Klassiker auf Knopfdruck

Seit es die sogenannten neuen Medien gibt, wird der baldige Tod des Buchs entweder von notorischen Bibliophilen und Philologen laut beklagt oder von digital natives erwartungsfroh besungen. Kein Zweifel: die Verlagslandschaft steht vor erheblichen Veränderungen. Mit seinem jüngsten Frontalangriff hat der Internetriese Amazon nun die Befürchtungen von Büchermachern und Bücherfreunden hierzulande weiter verschärft. Man darf gespannt sein, wie die Branche reagiert.

Wie man sich den Giganten auch als Nischenbewohner auf Distanz hält, lässt sich schon jetzt am Beispiel des Hamburger Traditionshauses Meiner studieren: Zuerst und nach wie vor mit anspruchsvollen und gut lektorierten Neuerscheinungen, etwa dem Grundriss Heidegger, der Neuübersetzung von Adam Smith' Theory of Moral Sentiments oder einem Kommentar zur Phänomenologie des Geistes, an dem künftig kein Hegel-Leser mehr vorbeikommen wird (und die es meist auch als eBook-Variante gibt). Der Bedarf an entsprechenden Produkten und professionellen Produzenten ist ungebrochen - bei ansprchsvollen Lesern wie Autoren gleichermaßen.

Darüber hinaus bewirtschaftet der Verlag auch sein eigenes "Hausantiquariat" selbst, und das so erfolgreich, dass es innerhalb kurzer Zeit bereits ausverkauft war und nun erst einmal wieder aufgefüllt werden muss. Als drittes Glied der Verwertungskette kann Meiner nun auf ein Angebot verweisen, auf das viele Leser lange gewartet haben dürften und das erhebliches Zukunftspotenzial besitzt: Einst vergriffene Titel lassen sich im Books-on-Demand-Shop nachkaufen. So sind die Schriften Brentanos ebenso wieder erhältlich wie Fichtes wunderliche Studie über sozialistische Planwirtschaft (Der geschloßne Handelsstaat). Zwar zahlt man für die in der Regel gebundenen Sonderanfertigungen im aktuellen Meiner-Grün nicht wenig. Aber das ist auf den gängigen Antiquariatsportalen im Netz, wo man mühsam nach den vergriffenen Titeln suchen muss, kaum anders. Außerdem darf man erwarten, dass der Verlag eventuelle Kostenvorteile durch technologische Innovationen des Herstellungsverfahrens künftig an seine Kunden weiterleitet.

Prinzipiell lässt sich auf diese Weise auch ohne gigantische Lagerkapazitäten das gesamte Verlagsprogramm vorrätig halten, inklusive aller Raritäten und Kuriosa aus der über 100-jährigen Verlagsgeschichte - ein großer Schritt in die richtige Richtung, der Amazons Attacken mit dessen eigenen Waffen pariert und an dem sich hoffentlich bald auch andere Fachverlage orientieren werden.

"Unsere Medien, unsere Täter"

Kein Jahr ist es her, dass der TV-Mehrteiler Unsere Mütter, unsere Väter eine lang andauernde, zum Teil hoch emotionale öffentliche Debatte inklusive juristischem Nachspiel ausgelöst hat. Bis heute ist Ulrich Herberts klugem Verdikt dazu in der taz vom 21. März 2013 im Grunde wenig hinzuzufügen. Das Hamburger Institut für Sozialforschung hat dem Thema - der Mini-Serie wie der Verarbeitung des Nationalsozialismus in anderen Medien - nun jedoch ein ganzes Heft seiner Hauszeitschrift Mittelweg 36 gewidmet.

Tatsächlich bietet die Generalkritik Christoph Classens am TV-Event (Opa und Oma im Krieg) wenig Neues: Dass der Film sich visuell an US-amerikanischen Serienformaten orientiert, war schon andernorts zu lesen. Auch die von Classen herausgestellte, fragwürdige Authentifizierungsstrategie - die geschickte Kombination von fiktionaler Filmhandlung einerseits, Dokumentationen und Talkrunden im Anschluss an die Ausstrahlung andererseits - ist kein Spezifikum des Mehrteilers. Ebenso wenig wie das platte, aber wirkungsvolle tragische Narrativ der ausweglosen Verstrickung vermeintlich völlig unschuldiger, hoffnungsfroher junger Menschen (die wirklich Bösen sind wie immer die fiesen SS-Bestien...) und sein relativistischer Charakter. Das Fazit Classens kann daher kaum überraschen: Unsere Mütter, unsere Väter mache den Krieg zum großen Meta-Subjekt, das seine Protagonisten formt, und sei entgegen anderslautender Ansprüche der Produzenten keine innovative Verarbeitung des Vernichtungskriegs.

Ein wenig ratlos hinterlässt den Leser auch der Beitrag Ulrike Weckels, die Reaktionen von Tätern und deutscher Bevölkerung auf alliierte atrocity-Filme wie z.B. Death Mills untersucht hat. Ihre These: Die Deutschen hätten nicht nur auf den jeweiligen Film reagiert, sondern auch auf die "(unterstellte) Beschämungsabsicht der Alliierten". Zwar habe sich kaum jemand als nicht beschämbar erwiesen - offen positive Reaktionen wären im besetzten Deutschland auch kaum vermittelbar gewesen -, es lasse sich jedoch nur im seltensten Fall feststellen,"[w]ie sehr und wessen genau sich die beschämbare breite Mehrheit schämte"...

Wesentlich aufschlussreicher ist hingegen der Versuch der beiden Nachwuchsforscher Janosch Steuwer und Hanne Leßau, auf Sebastian Haffners Frage "Wer ist ein Nazi? Woran erkennt man ihn?" eine historisierende Antwort zu geben. Anhand von exemplarischen Tagebuchaufzeichnungen verfolgen sie, wie sich definitorische Selbstaussagen von Zeitgenossen, die dem neuen Regime zunächst ablehnend oder kritisch gegenüberstanden, schleichend an die neuen (politischen) Lebensbedingungen anpassten. Die Frage, wer ein Nazi ist und wer nicht, wird nach der Machtergreifung Hitlers zur Aufgabe biographischer Selbstbestimmung aller "Volksgenossen". Vor 1933 galt als Nazi, wer sich zur Partei bekannte und damit politisch hinreichend von anderen Parteigängern unterscheidbar war. Danach gab das Regime allein den Rahmen vor, innerhalb dessen man Farbe zu bekennen hatte - ein Rahmen, der auch deshalb so stabil war, wie Steuwer und Leßau betonen, weil er in gewissen Grenzen individuelle Aneignungen und Abweichungen tolerierte und es auf eben diese Weise erlaubte, die eigene Biographie mit dem System kompatibel zu machen.

In der Literaturbeilage sucht Norman Ächtler nach der Thematisierung von Kriegsverbrechen und Judenverfolgung in deutschen Nachkriegsromanen. Sein Fazit: Die Rolle der Wehrmacht werde geschönt, der unbescholtene Landser dem niederträchtigen SS-Mann gegenübergestellt - die Vernichtungsdimension des Krieges aber durchaus nicht verschwiegen.

Das Highlight der Ausgabe ist Jens Wietschorkes kulturwissenschaftliche Analyse eines NS-konformen Reiseführers: Baedekers Generalgouvernement. 1943, auf dem Höhepunkt des Neuordnungs- und Vernichtungsfeldzugs der Nazis erschienen, ist das Buch weniger Fremdenführer denn performatives Propagandainstrument. Es führt der Leserschaft das besetzte Territorium als 'deutsche Landschaft' vor und erweist sich so als  kulturwissenschaftliche Fundgrube für die Untersuchung einer NS-Schlüsseldisziplin: der angewandten - sprich gewaltsamen - Raumplanung. In deren Geist präsentiert der Reiseführer mit bildungsbürgerlich-humanistischem Duktus eine "durchweg deutsch dominierte kulturelle Topografie". Indem Baedekers Generalgouvernement den Raum selektiere, stereotypisiere und vereinfache, so Wietschorke, mache er ihn ganz im Sinne der Homogenisierungs- und Sozialgärtnerphantasien der NS-Raumingenieure lesbar - und wiederhole damit die militärische Landnahme symbolisch noch einmal. Doch trotz dieser Veralltäglichungsstrategie der deutschen Besatzungsherrschaft offenbart er gerade durch das, was er auslässt, bzw. in einer "groteske[n] Reihe ungeheuerlicher Unterschlagungen" regelrecht auslöscht, die historischen Verhältnisse des Jahres 1943 mit ihrem "Ineinander von Geopolitik, Massenmord und medialem Diskurs" wie in einem Brennglas.

Baedekers Generalgouvernement ist mehr als nur ein Reiseführer: Während er im Plauderton die Normalität und Kontinuität der deutschen Besatzung herstellt, tritt er zugleich als "geschichts- und geostrategisches Papier" auf, als "autoritative[s] Tableau gouvernementalen Raumwissens". Aus dem Reisebrevier ist ein Kompendium für Kolonisatoren geworden - "eine glatte Umkehrung des Prinzips der Reise als Horizonterweiterung."

Incompatibilty-Report

Es gibt Filme, die schüren auf krude Weise das Fernweh. Und es gibt andere, die skizzieren, wie schwierig der Ausbruch aus dem Gewohnten und das sich Einlassen auf ein fremdes Land sein können. „Ausgerechnet Sibirien“, der dieser Woche in den Kinos angelaufen ist, gehört zu dieser letzten Kategorie.

In der ersten Einstellung joggt die Hauptfigur Matthias Bleuel (Joachim Król) keuchend und ausdruckslos durch eine farblose Kulisse: Feldmark, Wohnsiedlung, als Soundtrack eine Erzählung über sibirischen Schamanismus vom tragbaren CD-Player. Und nicht nur die Technik, der Mann und der ganze Film scheinen seltsam aus der Zeit gefallen. Unschuldig-erstaunt kommentiert Bleuel den Verkauf des Ehebetts an ein schwules Pärchen mit „ist’n Doppelbett“. Vom Auftrag des Seniorchefs, von der Inhaberin der russischen Partnerfirma ein Foto mitzubringen, ist er sichtlich irritiert. Auf die titelgebende Dienstreise nach Sibirien geht er direkt vom vollvertäfelten Konferenzraum aus, ängstlich, aber vor allem teilnahmslos - im Kopfhörer stets die beschwörende Stimme der Schamanen-Erzählung. Den Elan und Tiefgang, die sich darin andeuten, dass Bleuel im Flugzeug russische Vokalen paukt, deutet der Film erst sehr spät aus.

Denn zunächst strandet der unbeholfene Charakter in Novosibirsk, wo ihm nur der Zufall in Gestalt seines ehemaliger Klassenkamerad Rolf (Armin Rohde) zum Ticket für den Weiterflug verhilft. Endlich in Ostsibirien angekommen, will er dann sofort in die Firma: „Ich muss mir doch einen Überblick verschaffen.“ Die Blicke, die der ihm zur Seite gestellte Dolmetscher Artjom (Vladimir Burlakov) und der Fahrer wechseln und wohl auch die Zeitverschiebung, nimmt das Klischee des deutschen Geschäftsreisenden dagegen gar nicht wahr. Stattdessen eröffnet er die Feier zu seiner Begrüßung mit einer hölzern-wichtigen Urkundenübergabe. Das passt natürlich so gar nicht zu dem feucht-tumultigen Familienfest, das sofort danach um ihn herum ausbricht. Und der Fehler wiederholt sich, sei es, dass Bleuel die Freude der Russen über kalifornische Orangen (und möglicherweise dahinter einen erfolgreichen Schwarzmarkt-Deal) mit „unprofessionell“ quittiert oder sich allzu sehr in Vorträgen zur Logistik und über andere Betriebsthemen ergeht. Dass die resolute Chefin und der restliche Clan ihn nicht aus dem Laden jagen, verdankt er allein Dolmetscher Artjom, der nicht nur übersetzt, sondern vor allem zusieht, kulturellen Missverständnissen durch mehr als bloß stilistische Anpassungen vorzubeugen. Auch Artjom stößt allerdings an seine Grenzen, als Bleuel von ihm fordert, noch einmal für ihn bei einer Hotline anzurufen: „Compatibility Report, das scheint es in diesem Programm gar nicht zu geben.“ Wie weit er damit über den Bildschirm des 90er-Jahre PCs hinaus deutet, ist dem Protagonisten offenbar nicht bewusst. Bleuel erscheint bis zu diesem Punkt der Story als Figur vor einer farbenfrohen Kulisse, mit der er aber nie wirklich in Kontakt tritt. Dieser Teil des Films endet dann auch mit einer Abschiedsfeier, die er übermütig zur Abrechnung mit den von ihm entdeckten Missständen in Sibirien nutzt. Würde der Film nun enden, er wäre eine misslungene, klischeereiterische Komödie mit tragischem Helden.

Doch immer wieder, nur in kurzen Episoden zuerst, tritt die Person Bleuel zum Vorschein, hypnotisiert von der Schamanismus-CD im Discman, fasziniert von einer Libelle, die in seinem Hotelzimmer zwischen den Scheiben der Doppelverglasung gefangen ist. Die Libelle ist bei den Schamanen ein heiliges Tier. Aus diesem dünnen Erzählfaden erwächst der zweite Teil des Films. Was bisher störend und harmlos, weil von Bleuel aus wie hinter Plexiglas, geschah, ist nun bedrohlich nah. Bleuel besteht darauf, der schamanischen Sängerin Saljana, die er auf einem Rummelplatz gehört hat, in deren noch weiter östlich liegende Heimat zu folgen.

Gemeinsam mit Artjom – und gegen dessen Rat – macht sich Bleuel in diesen Landstrich auf. Von ihrem Fahrer ausgesetzt, kämpfen sie zuerst darum, auf der wenig befahrenen Straße von jemandem mitgenommen werden und dann gegen Mücken. Als sie das Heimatdorf Saljanas erreichen, werden sie zwar freundlich empfangen, doch alle – von der alten Schamanin bis zu Artjom – trauen Bleuel nicht zu, in Sibirien seinen Mann zu stehen. Diese Zweifel teilt auch der Zuschauer, der in Bleuels Verhalten noch immer die Unbeholfenheit erkennt, die es ihm bereits bei den Textilleuten schwer gemacht hat. Jetzt allerdings ist sie ihm nicht mehr nicht bewusst oder egal, sondern peinlich, wie er Saljana gesteht. Der Film und sein Hauptcharakter nehmen also eine überraschende Entwicklung. Es gibt eine Odyssee, Konflikte und ganz am Schluss ein Happy End, dessen Erzählstränge alle ein bisschen zu gut zu einander passen.

Eine Klamaukkomödien-Roadmovie-Romanze also, in der die zu dick aufgetragenen Klischees ebenso wirken wie der Kontrast zwischen russischer Lebensfreude und deutscher Über-Aufgeräumtheit. Sehenswert ist aber vor allem, wie menschliche Konflikte, innere und äußere, ohne affektierte Distanz und ohne zu viel Psychologisierens über die Leinwand gehen.

Du sollst schreiben!

Wer vor nicht allzu langer Zeit während des Studiums noch regelmäßig in akademischen Buchstabenwüsten verdurstete und auf der Suche nach kundiger Anleitung bei eigenen, ersten Schreibversuchen meist ins Leere lief, der sieht sich heute erfreulicherweise einer wachsenden Zahl wohlformulierter Monographien einerseits, einer stattlichen Phalanx an gedruckten Ratgebern und Workshops zum wissenschaftlichen Schreiben andererseits gegenüber.

Letztere versprechen "keine Angst vor dem leeren Blatt" (Otto Kruse) und begleiten den Schreibnovizen durch alle Unwägbarkeiten "von der Idee zum Text" (Helga Esselborn-Krumbiegel). Alttestamentarisch knapp mutet das soeben erschienene Vademecum des Hannoveraner Philosophieprofessors Dietmar Hübner an: Seine Zehn Gebote für das philosophische Schreiben, nur 80 Seiten kurz, gehören - das gleich vorweg - zum Besten (und nebenbei auch Unterhaltsamsten), was der Markt derzeit zu bieten hat; nicht nur für Philosophen!

Hübner schreibt nicht aus der Perspektive des Dienstleisters, sondern der des engagierten Dozenten, der sein Fachgebiet liebt und den die handwerkliche bzw. literarische Qualität der Haus- und Qualifikationsarbeiten seiner Studenten nicht selten befremdet. Dabei doziert er keineswegs von oben herab. Es gelingt ihm vielmehr auf engstem Raum konsequent und präzise und in lebendiger, direkter Sprache zu vermitteln, was eine gute, und das heißt immer auch: gut lesbare akademische Arbeit ausmacht - und dass an der Universität (jedenfalls in den Geisteswissenschaften) nur besteht, wer jenseits von "Facebook-Deutsch und Chatroom-Höhlenmalerei" die Grundregeln des Schreibens beherrscht. Diese sind dann rasch und ohne Umschweife aufgestellt: Interesse an der Sache, klare Struktur und Gedankenführung, Mut zum Selberdenken, Fairness im Urteil, guter Stil und Regelkenntnis, ausreichend breite Quellenbasis sowie schließlich formale Korrektheit.

Dass Hübner seine zehn Gebote selbst beherzigt, macht jede Seite des Büchleins eindrucksvoll deutlich. Auch Nichtphilosophen - und selbst erfahrene Scribenten - werden es mit Gewinn lesen, weil es nicht nur auf typische Anfängerfehler eingeht, sondern zugleich eindringlich daran erinnert, was gute Wissenschaft überhaupt auszeichnet (z.B. nicht die schwächsten, sondern stets die stärksten Argumente eines akademischen Gegenübers zu attackieren). Die Empfehlung des Autors, neben der Schreibpraxis immer wieder auf herausragende Texte - vornehmlich Weltliteratur - zurückzugreifen, um den eigenen Ausdruck zu schärfen, lässt sich auf ihn selbst anwenden: Unbedingt lesen!

Dietmar Hübner (2012): Zehn Gebote für das philosophische Schreiben. Göttingen, 80 S., 6,99 Euro.

Die Pathologie der Spielplätze

Wer unsere Gesellschaft kennen lernen will, muss regelmäßig die Spielplätze konsultieren. An Werktagen zu 95% Mütter mit ihren Kindern, keine Männer, auch da, wo nur die Lohas hingehen. In den zwei Monaten Erziehungszeit fahren die meisten Männer, strategisch für sie angenehmer, mit der ganzen Familie in Urlaub oder man geht halt mal zu dritt auf den Spielplatz. Die Frauen wirken nicht gerade entspannt, ihnen sitzt nämlich die zusätzlich zu erledigende Erwerbsarbeit im Nacken. Geht man als Mann hin, dann wird man ignoriert und bietet den anwesenden Damen eine Projektionsfläche für ihren Neid -- der eigene Mann geht schließlich lieber arbeiten. Samstags ein ganz anderes Bild: eigentlich fast nur hyperaktive, auffällig liebevolle Männer mit ihren Kindern; sie bearbeiten ihr schlechtes Gewissen und strengen sich nun an, damit die eigene Frau auch einmal in Ruhe Duschen gehen kann oder sogar zum Friseur. Der Samstag ist kein guter Tag für Frauen, weil die dann als Projektionsfläche für die Herren dienen, die ja viel lieber in einer Kneipe dem Fußball folgen würden und endlich mal nach einer harten Arbeitswoche in Ruhe ein Bier trinken. Das ist, denkt man darüber nach, eine ziemlich eindeutige, aber doch niederschmetternde empirische Einsicht: für beide Geschlechter! Der Autor ist ist zwar kein Fußballfan, aber was er mit einem Samstag so richtig anfangen soll -- also ein Samstag mit Kleinkind! -- das steht dennoch in keinem der gängigen Soziologiebücher. Bei den Psychopathologen habe ich noch nicht nachgeschaut, soweit sollte es auch nicht kommen. Es herrscht jedenfalls theoretischer wie empirischer Nachholbedarf!

 

Die vielleicht spannendsten Längen der Filmgeschichte

schilf.jpg„Alles, was denkbar ist, existiert“- davon ist zumindest Sebastian Wittig überzeugt. Fieberhaft arbeitet der Physikprofessor am Beweis seiner Theorie. Unterdessen verschwindet sein kleiner Sohn Nick von einer Autobahnraststätte, und ein mysteriöser Anrufer fordert Wittig auf, einen Mord zu begehen.
Regisseurin Claudia Lehmann gelingt es in „Schilf“, Juli Zehs genialen Thriller ebenso genial auf die Leinwand zu bannen. Die Story zweier befreundeter Physiker mit Widerstreitenden Theorien und Lebenseinstellungen erzählt sie geradeheraus und ohne viel Psychologisieren. Die fesselnde Spannung des Films entspringt aus den sorgfältig komponierten Wechseln zwischen den parallelen Welten, die Protagonist Wittig zunächst herbeitheoretisiert – und sich dann in sie verstrickt. Angst vor möglichen Entführern seines Sohnes und vor der Unmöglichkeit, sich mit seiner Theorie verständlich zu machen, lassen ihn dessen Verschwinden zunächst auch gegenüber seiner Frau verschweigen. Als diese aus dem Urlaub zurückkehrt und sie beide schließlich die Polizei verständigen, findet sich Klein-Nick wohlbehalten im Ferienlager wieder. Allerdings habe er geschlafen, „und dann war ich hier“.

Spätestens hier ist eine zweite Ebene im Film deutlich. Während die übrigen Protagonisten jeweils in einer Welt verankert erscheinen, hat Wittig offenbar Erinnerungen aus mehreren Paralleluniversen. Für den Zuschauer erscheint dies in der Bildsprache wie eine Psychose oder „einfach Überarbeitung“, wie seine Frau die peinliche Episode mit dem gar nicht verschwundenen Sohn kommentiert. Doch über diesen Schein normaler Verrücktheit legt die Regisseurin einen Schleier aus wohldosierten Filmeffekten – dünne Gegenstände, die sich als Trennlinie vor dem Hintergrund auflösen, Straßenmarkierungen unter dem vorwärts drängenden Auto, die mit englischsprachigen Bandaufnahmen zum Stroboskopeffekt hinterlegt werden, aber auch die üblichen Mittel des Thrillers.

Steht Klein-Nick noch neben seiner Mutter auf dem Bahnsteig, als Wittig in selbstberuhigender Tapferkeit seine Lieben verabschiedet? (Man weiß es nicht.) Und wie nahe wird Wittig der geheimnisvolle Schilf kommen, der ihm immer an den Übergängen zwischen den Welten begegnet? Gegen Ende des Films sehen sich beide in die Augen. Schilf offenbart Wittig seine Identität und endlich auch das Geheimnis hinter Entführung, nicht begangenem Mord und der Auseinandersetzung mit Freund Oskar über die Existenz der Paralleluniversen. In dieser Szene entfaltet sich die Poesie dieses Films zu voller Pracht. Schilf kommt Wittig näher, er geht in eindringlichem Reden auf den anderen zu und sie beginnen, wie im Kampf Kreise umeinander zu drehen. Doch, soviel darf man vorausnehmen: Schilf zieht keine Pistole, um in Hollywood-Manier dem Zuschauer einen Höhepunkt des Grauens zu bereiten. Er blickt – starr und seiner Mission bewusst – in Wittigs Augen, und diese blicken suchend, zweifelnd, aber kaum noch ängstlich zurück. Nach Hollywood-Maßstab hat „Schilf“ beträchtliche Längen. Man kann aber auch sagen, er hat eine eigene Sprache. Und die inszeniert perfekt die Komplexität des Sujets und lässt echte Spannung entstehen. Die vielleicht spannendsten Längen seit „Spiel mir das Lied vom Tod“.

Die richtigen Worte finden

Sie sind Wissenschaftler? Sie möchten Ihre Forschungsergebnisse verständlich und interessant darstellen? Aber Ihnen fehlen die richtigen Worte. Bei den Sag´s klar-Kommunikationstrainings der Klaus Tschira Stiftung in Heidelberg lernen Sie, wie das geht. Teilnahmebedingungen und Termine unter www.sags-klar.info.

In den jeweils zweitägigen Workshops „Schreibwerkstatt“ und „Medientraining“ wird trainiert, die Ergebnisse der eigenen Forschung den Medien und der Öffentlichkeit zu vermitteln. Die Kurse richten sich an Naturwissenschaftler, Mathematiker und Informatiker, die aktiv in der Forschung tätig sind. Aber auch Wissenschaftler angrenzender Bereiche sind willkommen.

 

Lana del Rey

Die neue Lana del Rey ist da, endlich muss man sich nicht mehr mit Youtube zufrieden geben. Und jetzt? Das Album ist schön und klingt, als sei es von 1962 -- da haben wir nicht gelebt. Aber dahin haben viele scheinbar eine irritierende Sehnsucht. Entziehen können sich zur Zeit weder die Mädchen, noch die Jungs dieser feschen Dame. Die ist sexy, es ist nicht politisch korrekt das zuzugeben -- Vater und Großvater stimmen einem schließlich zu. Zeigt man ihren Video Games Clip, dann spaltet sich jedes Grüppchen denkender Menschen: Konservativ, naiv & diese Lippen: ein Alptraum. Aber die Gefühle, die man hat, wenn man Lana zuschaut, die kann man/frau sich eben auch nicht so leicht wegrationalisieren. Also entsteht Streit. Es kann also passieren, dass man als Paar den CD-Laden betritt, aber als Single wieder rausgeht. Ob ab der nächsten Woche alle Mädchen aussehen wollen wie Lana? Also eigentlich weniger wie Mädchen, sondern eher wie Frauen? Und was passiert dann mit den Männern, die ja bis an die 50 noch immer -- gemessen an diesem Frauenlook -- aussehen wie Jungs in Schlafanzügen? Schnell zum Herrenausstatter und endlich mal Schuhe mit Ledersohle kaufen! Das erste weiße Hemd? Das ist vielleicht angebracht. Wenn man die Kopfhörer dann rausnimmt und die Bahn verlässt, sollte man sich eine Ausrede für die Freundin überlegen. In den frühen 60ern war es komplizierter. Der Hemdkragen zeigt nämlich nach den musikalischen Lana-Tagträumen Abdrücke vom roten Lippenstift. Wenn die Frauen sich an Lana orientieren sollten -- inklusive der damit verbundenen Werte -- dann bekommen die Männer ein Problem! Und der Lippenstift ist dabei noch das geringste. Statt dessen Imelda May zu hören ist auch keine Lösung. Auch die ist ja eindeutig: eine Frau. Jeder Blick in ein Geschichtsbuch, USA 1962, genügt aber, damit einem unbehaglich wird. Neben Jenna Jameson gehört Lana del Rey also zu den Namen, bei denen man kurz innehalten sollten, bevor man ihn offen ausspricht! 

Call for Papers: Salzburg-Tübinger-Rhetorikgespräche

Die Salzburg-Tübinger-Rhetorikgespräche bieten seit mehreren Jahren ein Forum für eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der Rhetorik.

Eine Tagung am 8. und 9. Juni 2012 befasst sich mit dem Thema Rhetorik und Gespräch.
Bei der Tagung stehen die Bedeutung des Gesprächs und die Anforderungen an den Kommunikator im Mittelpunkt. Die unterschiedlichsten Arten von Gesprächsszenarien können dabei als Diskussionsgrundlage dienen.

Vor allem die Faktoren, welche ein Gespräch beeinflussen, sollen behandelt werden. Besonders interessiert dabei auch, wie Überzeugung im Gespräch funktioniert.
Zu den Gesprächen in Tübingen sind alle willkommen, die sich in Praxis und Theorie aus verschiedenen Perspektiven mit dem Thema Rhetorik und Gespräch auseinandersetzen möchten und die Tagung mit neuen Aspekten bereichern wollen.

Weitere Informationen zum Call for Papers finden sich auf den Seiten des Rhetorikforums unter: http://rhetorikforum.de/

KlarText! Preis für verständliche Naturwissenschaft

Die Klaus Tschira Stiftung sucht junge Wissenschaftler, die anschaulich und vor allem allgemein verständlich über ihre Forschungsergebnisse schreiben. Noch bis zum 29. Februar 2012 können sich Nachwuchswissenschaftler, die 2011 promoviert wurden, mit einem allgemein verständlichen und kurzweiligen Text über ihre Forschungsarbeit bewerben. Schirmherr des Wettbewerbs ist der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft, Prof. Dr. Peter Gruss.
Der Klaus Tschira Preis für verständliche Wissenschaft - KlarText! wird in den Bereichen Biologie, Chemie, Informatik, Mathematik, Neurowissenschaften und Physik vergeben. Die Siegerinnen und Sieger des jeweiligen Fachgebietes werden mit einem Geldpreis von je 5 000 Euro ausgezeichnet. Die preisgekrönten Siegerartikel werden ungekürzt in einer KlarText!-Sonderbeilage des populärwissenschaftlichen Magazins bild der wissenschaft veröffentlicht. Zusätzlich haben die KlarText!-Sieger die Möglichkeit, an Kommunikationstrainings für Wissenschaftler teilzunehmen.

Allen Bewerbern - auch wenn sie nicht gewonnen haben - ermöglicht die Klaus Tschira Stiftung die Teilnahme am eintägigen Workshop Wissenschaftskommunikation.
Ausführliche Informationen zum Wettbewerb, sowie über die Preisträger und die preisgekrönten Artikel der letzten Jahre finden Sie unter: www.klaus-tschira-preis.info

Philosophisches auf Hochglanzpapier

Als ich es vor Jahren an einem Zeitungskiosk in der südfranzösischen Provinz zufällig erblickte, war ich von der Idee sofort begeistert: Ein monatlich erscheinendes Hochglanzmagazin ausschließlich über: Philosophie – popularisierte, aber dennoch anspruchsvolle, unbequeme Philosophie, nicht bloß die üblichen Verschnitte, wie sie hierzulande in schmalen Kolumnen, Rubriken und Talkshows von neunmalklugen Phrasendreschern unters Volk gebracht werden. Schade, dass das nicht auch bei uns geht, dachte ich damals, die Franzosen um ihre traditionsreiche und gleichermaßen breitenwirksame Liaison von Weisheitsliebe und Öffentlichkeit beneidend.

Doch, es geht! Seit diesem November nämlich liegt die erste Nummer des deutschen "Philosophie Magazin" in den Auslagen der Zeitungsgeschäfte, mit einer stattlichen Erstauflage von 100.000 Stück und einem, jedenfalls für die verprenzlauerbergten Regionen Deutschlands, hinreichend provokanten Titel: "Warum haben wir Kinder? Auf der Suche nach guten Gründen?" Das klingt zunächst nun doch ein wenig nach Maybrit Illner, ist es aber nicht. Sicher, die Optik wirkt zeitgemäß trendig; ohne die üblichen Sprechblasen, Blitzlichter und Presseschaufetzen geht es auch auf den ersten Seiten des "Philosophie Magazin" nicht. Dafür wird die interessierte Leserin gleich zum Einstieg umstandslos mit ein paar Absätzen Malthus, Jean Baudrillard, Thomas Kuhn und Georg Simmel bekannt gemacht. Die Themenauswahl ist breit, mit leichter französischer Schlagseite, denn die Redaktion bezieht einen guten Teil ihrer Inhalte vom "Mutterblatt". Neben Interviews (Julian Assange diskutiert via Skype mit dem Moralphilosophen Peter Singer; Axel Honneth spricht über Anerkennungsdefizite und Finanzkapitalismus), Reportagen, Buchkritiken und philosophischen Splittern, beispielsweise über Judith Butlers Kritik des Lacanschen Phallogozentrismus oder die Innenperspektive von Fledermäusen, und dem umfangreichen, nachdenklich stimmenden Dossier über Segen und (vor allem) Fluch des Kinderkriegens bietet die Erstausgabe auch ein umfangreiches Klassikerporträt zu Aristoteles. Aus diesem Anlass wird gleich noch das Prinzip Warenprobe in die Philosophie eingeführt: Beigelegt ist ein Sonderdruck über Freundschaft aus der Nikomachischen Ethik mit pointiertem Vorwort von Pierre Aubenque (aber leider ohne die leserfreundlichen Kursivierungen der zugrunde liegenden Meiner-Ausgabe). Das Abstraktionsniveau vieler Beiträge ist – für ein publizistisches Breitenprodukt – durchaus hoch, der Stil trotzdem erfrischend.

Wer Magazinformate nicht mit akademischen Abhandlungen verwechselt, Wissenschaftsjournalismus nicht mit Wissenschaft, und den hierzulande weit verbreiteten, oft dünkelhaften Vorbehalt gegen mediale Vermittlungsversuche anspruchsvoller Inhalte hintanstellt, erhält für wenig mehr als fünf Euro eine Massendrucksache, die auch den Fachmann unterhält - Weiterdenken ausdrücklich erlaubt. Auch wenn an der ein oder anderen Ecke noch geprobt wird (der obligatorische Schlusscartoon kommt sehr behäbig daher, manches Textstück ist dann doch etwas zu zeitgeistig-knapp geraten), kann man auf die Folgenummern gespannt sein und dem jungen Druckwerk nur eines wünschen: eine in jeder Hinsicht gelingende Traditionsbildung!

Intellektuelles Wurzelgeflecht in Handbuchform

Gilles Deleuze und Félix Guattari gehören zu den herausragenden französischen Intellektuellen des vergangenen Jahrhunderts. Gemeinsam haben sie den aus der Botanik stammenden Terminus ,Rhizom' in die Philosophie eingeführt, als metaphorischen Gegenentwurf zum klassischen ,Baum' des Wissens. Während die Baumstruktur hierarchisch und dichotomisch ist, jedem Element einen eindeutigen Platz in einem festen Gefüge zuweist und ohne Querverbindungen, Sprünge und Uneindeutigkeiten auskommt, ist das Rhizom eine vielfältig in sich und mit anderen Rhizomen verflochtene, wild wuchernde Struktur von Verästelungen und Knollen.

So ähnlich, wie eine Art Sprossachsensystem, kann man sich die französische Philosophie des 20. Jahrhunderts vorstellen, mit ihren Verflechtungen in Richtung Phänomenologie und Psychoanalyse, den erhabenen Knotenpunkten – der Kaderschmiede École Normale Supérieure oder dem Collège de France –, ihren genialischen Sprösslingen à la Sartre und Foucault und intellektuellen Schattengewächsen wie Marc Richir, Étienne Balibar, Sarah Kofman oder Mikel Dufrenne, die über die Grenzen Frankreichs hinaus nicht mehr Vielen bekannt sind.

In ihrem Autorenhandbuch zur französischen Philosophie des 20. Jahrhunderts haben die beiden Hagener Philosophen Thomas Bedorf und Kurt Röttgers dieses ausgreifende Geflecht nun in eine gleichermaßen benutzer- wie gegenstandsfreundliche Form gebracht. Denn obwohl die Herausgeber ein Theoriefeld mit deutlich identifizierbaren Konturen – Strukturalismus, Dekonstruktion, Diskurstheorie... – ausmachen, wollen sie in erster Linie die "die Vielfalt des französischen Denkens in seiner Breite abbilden", ohne dabei allzu scharfe historische und geographische Grenzen zu ziehen: Neben Nachkriegsautoren finden sich Denker des späten 19. Jahrhunderts; Belgier, Schweizer und vornehmlich auf Englisch publizierende Autoren stehen gleichberechtigt neben Franzosen. Man kann das (alphabetisch gegliederte) Handbuch daher getrost rhizomatisch lesen, von einem Verzweigungspunkt zum anderen. Die insgesamt 98 Artikel namhafter Expertinnen und Experten sind von unterschiedlicher Länge, aber ausnehmend hoher Qualität. Sie geben einen kurzen biographischen Abriss ihres Protagonisten, eine knappe Darstellung der zentralen theoretischen Innovationen nebst Ausblick auf Einflüsse und Umfeld sowie ausgewählte Lektürehinweise. Ein ausführliches Literaturverzeichnis, Begriffs- und Personenregister beschließen den kompakten Band, der den Blick auf "ein theoretisch fruchtbares Jahrhundert" weitet und dazu einlädt, sich tiefer in das französischen Denkgeflecht des 20. Jahrhunderts hineinzugraben.

Thomas Bedorf/Kurt Röttgers (Hg.) 2009: Die französische Philosophie im 20. Jahrhundert. Ein Autorenhandbuch. Darmstadt, 400 S., 79,90 Euro (Preis für Mitglieder der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft: 49,90 Euro).

Die Uni neu gestalten

UniGestalten

Die Universität ist in keinem guten Zustand. Darüber besteht weitgehender Konsens. Doch auch wenn es an Ideen nicht mangelt, wie so Einiges besser gemacht werden könnte, fehlt es oft am Willen zum Neuen.

Eine gute Gelegenheit, den Unialltag neu zu gestalten, bietet nun ein Online-Wettbewerb, den die Junge Akademie und der Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft veranstalten: Ein Wettbewerb um die besten Ideen, "die den Alltag in Hochschulen durch neue Ansätze und Perspektiven erleichtern und verbessern" sollen. Das Themenspektrum umfasst sämtliche Aspekte zum Leben und Arbeiten auf dem Campus. Aufgerufen sind Studierende aus allen Fachbereichen und Hochschultypen, Alumni, alle Beschäftigten aus Lehre, Forschung. Technik, Verwaltung und Projektpartner aus der Wirtschaft.
Bis zum 15. Dezember 2011 können sie auf dem Wettbewerbs-Portal www.unigestalten.de neue Ideen aufzeigen, diskutieren und weiterentwickeln.

Eine unabhängige Jury bewertet anschließend alle Einsendungen nach feststehenden und durchgängigen Kriterien und prämiert die besten Ideen.
Der Wettbewerb ist mit insgesamt 15.000 Euro dotiert. 5000 Euro Hauptgewinn und 20 weitere Preise warten auf die innovativen Vordenker für den Uni-Alltag.

Akademische Karriere

"Die Beschäftigung mit geistigen Dingen ist mittlerweile selber 'praktisch', zu einem Geschäft mit strenger Arbeitsteilung, mit Branchen und numerus clausus geworden. Der materiell Unabhängige, der sie aus Widerwillen gegen die Schmach des Geldverdienens wählt, wird nicht geneigt sein, das anzuerkennen. Dafür wird er bestraft. Er ist kein 'professional', rangiert in der Hierarchie der Konkurrenten als Dilettant, gleichgültig wie viel er sachlich versteht, und muß, wenn er Karriere machen will, den stursten Fachmann an entschlossener Borniertheit womöglich noch übertrumpfen. Die Suspension der Arbeitsteilung, zu der es ihn treibt, und die in einigen Grenzen seine ökonomische Lage zu verwirklichen ihn befähigt, gilt als besonders anrüchig: sie verrät die Abneigung, den von der Gesellschaft anbefohlenen Betrieb zu sanktionieren, und die auftrumpfende Kompetenz lässt solche Idisynkrasien nicht zu. Die Departementalisierung des Geistes ist ein Mittel, diesen dort abzuschaffen, wo er nicht ex officio, im Auftrag betrieben wird. [...] So ist für die Ordnung gesorgt: die einen müssen mitmachen, weil sie sonst nicht leben könnten, und die sonst leben könnten, werden draußen gehalten, weil sie nicht mitmachen wollen."

Theodor W. Adorno: Minima Moralia (Für Marcel Proust), S. 21f.

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